69 gleich dem besser situierten Handwerker in den Städten ein konserva- tives Mittelglied zwischen dem Arbeiter und dem grösseren Unter- nehmer bilden, besonders geeignet, ein festes Fundament für den Staat xegen die revolutionierenden Elemente der Städte abzugeben. Aus dem Gesagten geht hervor, dass eine jede Kategorie des Grundbesitzes und Betriebes ihre hohe Bedeutung hat; und im allge- meinen wird das Vorhandensein sämtlicher, also eine Mischung der- selben sich als wünschenswert erweisen. Nur dass unter bestimmten Verhältnissen bald die eine, bald die andere mehr in den Vordergrund treten muss. Die Aufgabe der Staatsgewalt wird es sein, darüber zu wachen, dass nicht die eine oder die andere im Uebermasse ver- schwindet. Zwar zeigt es sich, dass ganz von selbst diejenige ver- drängt wird, die wirtschaftlich den geringsten Nutzen bringt, aber es zönnen, wie wir sahen, die politischen Forderungen andere sein als die wirtschaftlichen. Besonders gefährdet erscheint der mittlere und grössere Bauern- stand. Er ist in Gefahr, von dem Grossgrundbesitz aufgesogen zu werden, wo dieser durch höhere Intelligenz, durch bestimmte Konjunk- turen und Ausbildung bestimmter Betriebe eine Ueberlegenheit erlangt hat; während auf der anderen Seite die Zerschlagung der Grund- stücke vor sich geht, sobald der Wert des Grund und Bodens erheblich steigt, Mangel an Arbeitskräften, höhere Löhne etc. dem grösseren Bauern das Leben erschweren. Wenn auch auf diese Weise der höchste Reinertrag und damit ein allgemeiner volkswirtschaftlicher Nutzen verbunden sein kann, so kann es doch nach dem Gesagten die Pflicht der Regierung sein, zur Konservierung des mittleren Besitzes besondere Massregeln zu treffen, wenn das Verschwinden desselben zu grosse Dimensionen annimmt. Freilich ist dabei im Auge zu behalten, dass eine Aenderung der Konjunkturen auch eine Modifikation in diesen Erscheinungen herbeiführt. Aber die Neubildung wohlarron- dierter Bauerngehöfte stösst stets auf besondere Schwierigkeiten, so dass die Wiederherstellung des früheren Zustandes viel längerer Zeit bedarf und mit grösseren Opfern verbunden ist. In der Zeit des allgemeinen Aufschwungs der Landwirtschaft, unterstützt durch den Brennereibetrieb, zeigte der Gutsbetrieb in Preussen von 1830—70 eine nicht unbedeutende Ueberlegenheit über den Mittelbetrieb. Der Aufkauf von Bauernstellen zur Vergrösserung der Güter oder zur Bildung neuer durch Zusammenlegung einer An- zahl Bauernstellen war schr allgemein. Zugleich boten die aufstrebenden Fabrikorte Gelegenheit und Veranlassung zur Zerschlagung von Grund- stücken. Beides wirkte zusammen, um in Preussen die Bauerngüter nicht unbedeutend zu vermindern, so dass man besorgt zu werden an- fing, dass der Bauer zum Verschwinden verurteilt sei. Im Verein für Sozialpolitik wurde 1883 daher die Forderung bedentender Staatsan- ‚eihen für Preussen aufgestellt, um Güter zur Zerschlagung anzukaufen und künstlich neue Bauernstellen zu bilden. Dies hat sich seit den achtziger Jahren unter dem Druck der landwirtschaftlichen Depression vollständig geändert. Bei den niedrigen Getreidepreisen, den hohen Arbeitslöhnen leidet in erster Linie der Grossbetrieb, dessen Grund- lage Getreidebau ist, und bei dem die Entfernung vom Gehöfte für einen grossen Teil des Landes die Unkosten übermässig erhöht. Da- Gefährdung des Bauern- standes.