296 — Niedrige Rente, erreicht überhaupt dieses Alter. Ist aber noch nicht die volle Invali- Jität nachzuweisen, also damit die Invalidenrente noch nicht zu erlangen, so hat es für den Arbeiter schon grosse Schwierigkeit, noch ange- messene Beschäftigung zu gewinnen. Die Fabrikanten sind ausser- ordentlich geneigt, schon weit früher die Arbeiter durch Kündigung abzuschieben, weil ihnen die Arbeitskraft nicht mehr genügt. Dann wird es natürlich für die Betreffenden ausserordentlich schwer, die Beiträge weiter zu zahlen, die sie allein tragen müssen, wenn sie nicht mehr von einem bestimmten Arbeitgeber beschäftigt werden. Das sind die häufig eintretenden Fälle, wo dem Arbeiter Verlust seines Rechtes droht, nachdem er Jahrzehnte Beiträge gezahlt hat, und der Moment \mmer näher rückt, wo er den Segen der Einrichtung zu geniessen hoffen konnte. Die Summen, welche bei dieser Versicherung in Betracht kommen, sind weit bedeutender als bei den übrigen Versicherungsbranehen. Es müssen hier aber auch weit grössere Reserven aufgespeichert werden, welche der laufenden volkswirtschaftlichen Anlage entzogen werden, Auch dies ist eine Last für die Volkswirtschaft, die in einem jeden Lande schwer empfunden wird und um so drückender ist, je ärmer das Land ist, Alle erwähnten Umstände wirken zusammen, um die Zahlung ainer sehr hohen Rente unmöglich zıu machen. Die durchschnittliche Altersrente betrug in Deutschland gegen 140 Mk., die Invalidenrente 130 Mk. Das ist eine Summe; die auch bei unserer anspruchslosen Arbeiterbevölkerung selbst nicht annähernd zum Unterhalte eines Men- schen ausreicht. Wo also wirklich die Arbeitsfähigkeit gänzlich erloschen, ist darum der Zustand der Not und Bedürftigkeit nicht beseitigt, und oft genug muss deshalb noch die öffentliche Armenkasse oder Privat wohlthätigkeit ergänzend zusteuern, weshalb die Angriffe der Sozial- lemokraten gegen die Einrichtung, die nur eine Bettelabfindung sei, Anhalte erhalten. Es ist deshalb wohl begreiflich, dass die Alters- und Invalidenversorgung in Deutschland bisher in der unteren Bevöl- kerung nicht die allgemeine Anerkennung und Dankbarkeit gefunden hat, die man erhoffte, und. ebenso, dass man sich in anderen Ländern bisher noch nicht zu einer Nachahmung entschlossen hat. Aber auf ler anderen Seite liegt darin doch eine Unterschätzung der vorliegenden Leistungen. Es ist in Deutschland gar nicht die Absicht gewesen, sofort in der Alters- und Invalidenrente den ganzen Lebensunterhalt zu gewähren, sie soll vielmehr nur eine Beihülfe sein, und zwar mit vollem Rechte; einmal, weil sonst ein zu grosses Opfer auf einmal von den Beteiligten gefordert werden müsste; dann weil der Anreiz, sich um Invalidenrente zu bewerben und als siebzigjähriger jede Arbeit aufzugeben, zu gross wäre, Man hat vielmehr mit Recht vorausgesetzt, dass in der unteren Klasse die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit nur in Ausnahmefällen völlig erlischt, vielmehr auch ganz alte Leute und [nvalide sich in der Häuslichkeit so nützlich zu machen vermögen, dass sie einen erheblichen Teil ihres Unterhaltes verdienen. Sie über- nehmen die Wartung der kleinen Kinder, besorgen die Küche und ermöglichen es so der Frau, sich ausserhalb ergänzenden Verdienst zu verschaffen, Sie machen Besorgungen, tragen das Mittagessen aus halten die Wohnung rein, versorgen das Garten- und Gemüseland ete