479 — Mit dem Beginne des 19. Jahrhunderts ist in den in betracht Das 19. Jahr- kommenden Ländern, wie dargelegt, ein Umschwung in den Anschau- hundert, ıangen eingetreten; die künstlichen Förderungsmittel sind aufgegeben, lagegen hat man untersucht, wie den Unzuträglichkeiten einer zu rapiden Volkszunahme entgegengewirkt werden kann. Bei den Mitteln hat man zu unterscheiden zwischen den präven- tiven indirekten und den positiven unmittelbaren durch beschränkende Massregeln des Staates. Robert Malthus selbst hat sich nur von den ersteren Erfolg versprochen. Erst seine Schüler haben in extremer Weise unter: wesentlicher Beschränkung der individuellen Freiheit vor- yehen wollen und dadurch die Lehre ihres Meisters diskreditiert. Ueberall ist es zu beobachten, dass in der besitzenden und ge- bildeten Klasse die weitgehendste Vorsicht in der Eheschliessung stattfindet, während gerade in der besitzlosen unteren Masse der Be- völkerung der grösste Leichtsinn nach dieser Richtung vorliegt. Kin yrosser Teil des vorliegenden Elends ist darauf zurückzuführen, dass Arbeiter, Gesellen, kleine Meister, Kaufleute etc. sich verheiraten, bevor sie eine gesicherte Stellung haben, und nach kurzer Zeit, namentlich bei erweitertem Hausstande und Arbeitsunfähigkeit der Frau, der 5ffentlichen Armenkasse anheim fallen. Aber selbst wenn eine an- zemessene Stellung erreicht ist, welche eine kleine Familie angemessen zu ernähren vermag, entsteht das Elend durch eine zu grosse Kinderzahl, wodurch die Frau dem Siechtum verfällt und nicht mehr imstande ist, den Hausstand angemessen zu versorgen, die Kinder zu pflegen und noch viel weniger einen ergänzenden Verdienst zu schaffen, Es ist die allgemeine Beobachtung, dass solcher Leichtsinn sich am meisten ausbildet und die weiteste Verbreitung bei dem Proletariat findet, das nur aus der Hand in den Mund lebt und sich daran gewöhnt hat, sich nur dem Moment hinzugeben und für die Zukunft Staat und Ge- meinde sorgen zu lassen. Das beste Mittel, wo nicht das einzige, hier Abhilfe zu schaffen, liegt darin, auch die untere Klasse zu einer ge- wissen Behäbigkeit des Daseins und zu etwas Besitz gelangen zu lassen, wodurch sie von selbst daran gewöhnt wird, auch an die Zukunft zu denken. Eine Hebung der allgemeinen Bildung wird dann das Ehr- zyefühl heben und die Selbstverantwortlichkeit zum Bewusstsein bringen, Es gilt aber vor allem, die sehr verbreitete falsche Auffassung der christlichen Lehre zu beseitigen, dass man in dieser Beziehung unbe- zümmert seinen Trieben folgen dürfe und die Folgen getrost der Für- sorge Gottes überlassen könne, und dafür den Satz in den Vordergrund zu stellen: hilf dir selbst, so wird dir Gott helfen, verschärft durch die Lehre Malthus’, der selbst ein Geistlicher war, dass es ein Ver- orechen sei, Kinder in das Leben zu rufen, die man nicht selbst zu ernähren imstande ist. Wenn jeder Einzelne der Bevölkerung die nötige Vorsicht in Wirtschaft- seinem Hausstande walten lässt, so wird auch eine rapide Volkszunahme liche Wege keineswegs pessimistisch aufzufassen sein, wie dieses von Malthus Zum Ausgleich und seiner Schule geschehen ist. Die moderne Kultur bietet, wie schon rnalıme. ainmal angedeutet, Mittel und Wege, um noch darüber hinaus den Volkswohlstand zu fördern. Im letzten Jahrhundert ist die Bevölkerung in England und Wales von 9 Mill. auf über 30 Mill. gestiegen; in Deutschland von etwa 25 auf 56 Mill., während der Wohlstand noch