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        <title>Nationalökonomie</title>
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Völkerschaften findet es sich, daß ganze Stämme bestimmte Gegen- 
;tände anfertigen. Auch nach der festen Niederlassung ist der Betrieb 
jer Landwirtschaft nicht als ein besonderer Beruf anzusehen, sondern 
Als ein Teil der Gesamttätigkeit, welche zum Unterhalt des Haushaltes 
allgemein notwendig ist. Es ist eine sehr viel höhere Stufe-der Kultur. 
hereits, wenn sich ein besonderer Stahd der Handwerker herausbildet, 
gie dar alleine bereits zur Perikleischen Zeit In Griechenland.der 
all war und im alten Rom. In dem Mittelalter entwickelte sich das 
Händwerk zunächst im den Klöstern, den geistlichen und weltlichen 
Herrenhöfen, auf denen einzelne Hörige zu bestimmter Tätigkeit an- 
gelernt und zur Ausübung derselben angehalten wurden. Unter Heran- 
ziehung des Kapitals, unter Ausbildung des Großbetriebes ist dann die 
Differenzierung in den Gewerben bekanntlich eine immer größere 
geworden. Im 13. und 14. Jahrhundert finden sich auch in den größeren 
Städten nicht mehr als 25 verschiedene Innungen, die allerdings damals 
Mehrere Gewerbe zu umfassen pflegten. Bücher zählte in Urkunden von 
Frankfurt a. M. i. J. 1387: 148, 1440: 191, Anfang des 16. Jahrhunderts 
300 verschiedene Gewerbearten. Bratring stellte 1801 in den branden- 
burgischen Städten 461 verschiedene Berufsarten fest. Schon die Hand- 
werkerstatistik Friedrichs des Großen zählte aber über 1400 Rubriken. 
Die Berufs- und Gewerbestatistik von 1882 führt 4782 verschiedene In- 
dustrielle und 1674 Berufsarten in Handel, Verkehr und Beherbergung, 
die von 1895 zusammen etwa 11000 auf. Diese Entwicklung hat zwei 
verschiedene Ursachen; einmal liegen sie, wie schon an anderer Stelle 
(S. 22) ausgeführt, in der Entwicklung der Bedürfnisse, welche immer 
verschiedenartigere Arbeit verlangen, dann in der Ausbildung der 
Arbeitsteilung, indem Arbeiten, welche bisher der Haushaltung selbst 
vorbehalten waren, sich als einzelne Gewerbe ausbildeten. Odysseus 
zimmert sich noch sein Haus- und Wirtschaftsgerät selbst, während 
Penelope den Tag über webt. Die Herstellung nicht nur der Nahrung, 
sondern auch der Kleidung war noch im Beginne des 19. Jahrhunderts 
auch in den bürgerlichen Kreisen den Frauen im Hause vorbehalten, 
während sie heutigen Tages den Bäckern, Fleischern, den Spinn- und 
Webefabriken, Strick- und Wirkfabriken, dann den Schneidern usW. 
immer ausschließlicher übertragen wird. Auch da, wo andere Gewerbe 
Platz gegriffen hatten, sträubte man sich vielfach, den Gegenstand 
durch Verkauf in andere Hände übergehen zu lassen. Der Bauer 
brachte sein selbstgebautes Getreide in die Mühle, ließ es dort gegen 
Gebühr vermahlen und nahm das daraus gewonnene Mehl wieder zum 
eigenen Gebrauch ‚zurück, solange die kleinen Mühlen im Lande ver- 
breitet und ihm nahe waren. Erst bei zunehmender Konzentrierung 
des Gewerbes im Großbetriebe sah er sich genötigt, das Getreide zu 
verkaufen und Mehl zu kaufen. Wie ebenso der Gutsbesitzer noch 
längere Zeit einen Fleischer zum Schlachten zu Hilfe zog, bis er mehr 
und mehr daza überging, sein Mastvieh zu verkaufen und das Fleisch 
für den eigenen Bedarf vom Schlächter zu. beziehen, ebenso das Selbst- 
backen allmählich aufgab und das Brot vom Bäcker bezog. Dies sind 
Beispiele, bei denen die Arbeitsteilung früher eintritt, als der Tausch, 
während im allgemeinen der Tausch früher Platz zu greifen pflegt, 
als die Arbeitsteilung. Bei primitiven Völkerschaften sind die aus- 
getauschten Gegenstände zunächst nicht ausdrücklich zu diesem 
Zweck angefertigt, sondern als Reserve für den eigenen Gebrauch. 
Bietet sich aber eine Gelegenheit, so wird eben auch jene Reserve</div>
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