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2.
Die Stellung der Nationalökonomie zu den verwandten
Wissenschaften.

Politische
Jekonomie.

Volkswirt-
schaftsnolitik.

Lexis, Systematisierung, Richtungen und Methoden der Volkswirtschaftslehre
(in „Die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaftslehre im 19. Jahrhundert“).
Leipzig 1908,

K. Diehl, Die Bedeutung der wissensch. Nationalökonomie. Jahrb. f. Nat.-Oek.
III. F. Bd. 837. 1909.

Die Nationalökonomie ist ein Teil der Gruppe von Disziplinen,
welche man unter dem Namen der politischen Oekonomie (englisch:
political economy, französisch: &conomie politique) zusammenfaßt und
zu den Staatswissenschaften rechnet. Während man in den anderen
Ländern bis zum heutigen Tage die politische Oekonomie als ein ge-
schlossenes Ganzes behandelt, ist sie in Deutschland bereits seit den
dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts in drei '"Peile zerlegt, be-
sonders durch das Vorgehen unseres Altmeisters Rau_in Heidelberg
in seinen drei Handbüchern über die Nationalökonomie (zuerst
„Grundzüge der Volkswirtschaftslehre“, Heidelberg 1826), die Volks-
wirtschaftspolitik (ursprünglich „Volkswirtschaftspflege“, 1828)
und die Finanzwissenschaft (1832). Infolgedessen ist auch in
Deutschland sowohl die Volkswirtschaftspolitik wie die Finanzwissen-
schaft weit früher tiefer durchgearbeitet, als in den anderen Ländern.
Namentlich die erstere ist bis zum heutigen Tage von dem Auslande
nur sehr unvollkommen berücksichtigt.

Alle drei Disziplinen behandeln die Volkswirtschaft, aber von
verschiedenem Standpunkt aus und in verschiedener Weise. Die
Nationalökonomie untersucht die volkswirtschaftlichen Vorgänge,
wie sie vor uns liegen, sucht die Tatsachen zu konstatieren und in
den Vorgängen den Zusammenhang von Ursache und Wirkung fest-
zustellen. Sie sucht die Regelmäßigkeiten in der wirtschaftlichen
Tätigkeit aufzufinden. Mit Recht ist sie daher mit der Anatomie
und Physiologie in den medizinischen Wissenschaften verglichen,
welche die Aufgabe haben, die Struktur des menschlichen Körpers
und die Funktion der einzelnen Organe zu verfolgen und darzustellen.

Anders die Volkswirtschaftspolitik. Sie ist die Lehre
von den Aufgaben der öffentlichen Gewalt und der Gesellschaft in
bezug auf das wirtschaftliche Leben, sie stellt somit Ziele auf und
untersucht, auf welche Weise man am zweckmäßigsten die Volkswirt-
schaft fördern, vorhandene Schäden beseitigen und damit einen besseren
Zustand erreichen kand, Sie ist deshalb mit der Pathologie und
Therapie zu vergleichen, welche die Krankheiten des Körpers zu
üntersuchen und sie zu heilen bestrebt sind. Die Volkswirtschafts-
politik muß sich naturgemäß auf die Ergebnisse der Nationalökonomie
stützen, die Zustände, wie diese sie dargelegt hat, kennen, den Zu-
sammenhang übersehen, um danach die einzuschlagenden Maßregeln
normieren zu können. Sie verfolgt praktische Zwecke und ist damit
der Nationalökonomie, welche theoretische Untersuchungen verfolgt,
gegenübergestellt. Man hat die erstere daher auch die Volkswirt-
schaftspflege, auch die spezielle oder praktische National-
ökonomie genannt, letztere die allgemeine oder theoretische
Volkswirtschaftslehre, wie Schmoller sie bezeichnet. Faktisch ist