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Teil des Lebensbedarfs durch Arbeit und Tausch aus dem Besitze
Anderer genommen werden muß,

Das Bedürfnis und die Seltenheit sind neuerdings von Karl Menger
and seiner Wiener Schule, Wieser, Böhm-Bawerk, dann von
Patten, Gide und Anderen nach dem Vorgange von Gossen,
Jevons und Heinrich von Thünen, als entscheidend angenommen
in „der. Ausbildung der N OT theorie: Sie
beruht auf der Voraussetzung, daß auf unserer Kulturstufe” die Dring-
lichkeit des Bedürfnisses in der Privatwirtschaft wie .in_ der Volks-.
wirtschaft für die Werthöhe bestimmend sei, Die Bedürfnisse stufen
Sich nach dieser Auffassung in Ihrer Dringlichkeit.ab. Je.mehr. der.
Vorrat ausreicht, auch die weniger dringlichen zu befriedigen, um. so_
geringer werden die Befriedigungsmittel ım Werte geSCHätZL.n nun

Roh Bawerk wählt das Beispiel der Einzelwirtschaft eines
Farmers, der seinen Erntevorrat außerordentlich hoch schätzt, wenn
derselbe nur ausreicht, um die nötigsten Nahrungsbedürfnisse der Familie
zu befriedigen. Alles Andere wird bei ihm im Vergleich zum Getreide
bedeutungslos dastehen. Wenn dagegen in einem anderen Jahre die
Ernte ausreicht, um nicht nur die Menschen zu ernähren, sondern auch
in angemessener Weise den Viehstand zu erhalten, so wird das Ge-
treide schon nicht in dem gleichen Werte stehen. Wenn er aber
genügend geerntet hat, um außerdem Papageien zu füttern, die er zu
seinem Vergnügen hält und zieht, so wird der ganze Vorrat nur nach
dem Maßstabe dieses letzten Aufwandes geschätzt werden, d. h. außer-
ardentlich gering, Dies trifft in isolierter Wirtschaft allerdings Zu.
Es wird auch auf manche Verhältnisse in der Volkswirtschaft zu über-
tragen sein, vielleicht auf die Schätzung der Ernte eines ganzen Landes,
und es ist unzweifelhaft ein Verdienst jener Schule, wieder die Auf-
merksamkeit auf das bedeutsame Moment der Dringlichkeit des Be-
dürfnisses gelenkt zu haben. Wir können uns aber nicht davon über-
zeugen, daß diese Art des Urteilens überall in der Volkswirtschaft
vorliegt, und daß die Dringlichkeit das allein bestimmende Motiv ist.
Unter unseren tatsächlichen volkswirtschaftlichen Verhältnissen greift
vielfach unzweifelhaft die Berücksichtigung der Herstellungskosten be-
stimmend ein. Die Fabrikanten, welche beobachten, daß mehr Ware
produziert ist, als untergebracht werden kann, halten darum noch nicht
den ganzen Vorrat für entwertet, sie bringen nur so viel auf den
Markt, als zu einem angemessenen Preise Absatz finden kann, und
vernichten nur den kleinen Rest, der allein entwertet ist, während
nach der Grenznutzentheorie bei eingetretenem Ueberfluß der ganze
Vorrat wertlos sein soll. Wiederholt ist es dagewesen, daß in über-
reichen Ernten ein Teil des Getreides dem Mäusefraß und sonst dem
Verderben verfiel, noch niemals hat die Geschichte aber von einem
Beispiel berichtet, daß in einer Volkswirtschaft das Getreide keinen
Preis hatte. Sehr häufig werden größere Auflagen von Büchern ge-
iruckt, als Absatz finden können, dadurch ist aber noch niemals die
ganze Auflage wertlos geworden. In der Volkswirtschaft vollziehen
sich die Verhältnisse nicht so einfach wie in der isolierten Wirtschaft,
Die Reibungen im praktischen Leben bringen durchgreifende Ver-
schiebungen hervor. Man hat ferner nur bei wenigen Gegenständen
gleiche Qualität, _ Wo diese aber “ungleich ist, vermindert sich die

Wirkung der Quantität, Ebenso führen auftauchende Surrogate wesent-
liche Wertverschicbungen herbei,

Conrad, Grundriß der polit. Oekonomie. 1. Teil. 8. Aufl.

Die Grenz-
1ıutzentheorie.