26

Wiener Schule.

Kenntnisse der früheren wirtschaftlichen Verhältnisse sind dazu viel zu
unvollkommen. Prinzipiell steht aber dem entgegen, daß jede Kultur-
stufe viel zu große Verschiedenheiten aufzuweisen hat, als daß man aus
den Vorgängen anderer Zeiten ohne weiteres unsere beurteilen lernen
könnte. Wir werden z. B. aus der Wirkung einzelner Steuermaßregeln
im 16., 17. Jahrhundert nur sehr beschränkt ein Urteil über den Einfluß
gewinnen, den dieselbe Maßregel in unserer Zeit ausüben wird. Wir
werden deshalb stets von der Gegenwart auszugehen haben und den
Schwerpunkt auf die Untersuchung der uns vorliegenden Verhältnisse
legen müssen. Die historische Untersuchung hat sekundär hinzuzutreten,
um zu zeigen, wie und wodurch die Gegenwart so geworden ist, wie sie
ist, sie kann aber niemals auf die primäre Stellung in der politischen
Oekonomie Anspruch erheben. Sie hat hauptsächlichste Bedeutung für
die Volkswirtschaftspolitik, weniger für die Nationalökonomie,

Demgegenüber glaubt die Wiener Schule, die sich die „exakte“
nennt, hauptsächlich im Sinne der Smithschen Richtung die Wissen-
schaft durch aprioristische Konstruktionen fördern zu können, mehr
deduktiv als induktiv vorgehen zu sollen. Unzweifelhaft ist nach dieser
Richtung noch außerordentlich viel zu tun. Unsere Begriffsdefinitionen
sind noch keineswegs genügend durchgearbeitet und endgültig fest-
gestellt, und so lange, bis dies geschehen, bleibt eine Wissenschaft in
den Kinderschuhen, was die historische Schule zu wenig berücksichtigt.
Auf dem Wege der Abstraktion, durch Isolierung einzelner Vorgänge
und klare Aussonderung der Wirkung bestimmter Ursachen kann
nach dem Vorbilde Thünens und der mathematischen Richtung noch
viel Licht auf die wirtschaftlichen Erscheinungen geworfen werden.
Aber auch diese Methode wird allein unmöglich zum Ziele führen.
Sie fördert hauptsächlich die Nationalökonomie, weniger die Volks-
wirtschaftspolitik. Die Hauptsache bleibt die Beobachtung in dem
praktischen Leben selbst, unter Hinzuziehung der Hilfsmittel, welche
uns die beiden erwähnten Richtungen geboten haben. Unsere Wissen-
schaft bedarf offenbar beider Methoden, sowohl der deduktiven, wie
der induktiven, um vorwärts zu kommen. Der praktische induktive
Weg wird die Grundlage zu bilden haben. Aber auch die Naturwissen-
schaften haben gerade in der neuesten Zeit die wirksamste Anregung
lurch deduktives Vorgehen erhalten, wie bekanntlich durch Darwins
Hypothese, Das sollte den Anhalt zur Feststellung der Aufgabe unserer
Wissenschaft bilden.

Wenn wir nach dem Gesagten zu dem Ergebnis gelangen, daß es
die Aufgabe der Nationalökonomie nicht sein kann, Naturgesetze auf-
zusuchen, sondern nur Regeln für bestimmte Zeiten, so ist ihr damit
der Charakter einer Wissenschaft gewiß nicht genommen, der mehr
durch die Forschungsmethode als durch das zu erreichende Ziel
bestimmt wird. Was die alte Schule als Naturgesetze auffaßte, ist
bereits zum großen Teile als für die Gegenwart nicht mehr zutreffend
erkannt. Gleichwohl waren ihre Leistungen als wissenschaftliche an-
zuerkennen, die für ihre Zeit Bedeutung hatten, aus denen wir hohen
Nutzen zogen und auf denen wir fortbauen. Sind wir genötigt, unsere
Ansprüche etwas bescheidener zu gestalten, als es in früheren Zeiten
geschah, so sind die Aufgaben unserer Wissenschaft darum doch riesig
groß und wohl des Schweißes der Besten wert.