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Dampfkraft alles in Bewegung setzt. Auch der Landwirt wandelt nur
die vorhandenen Stoffe um, die er in der Erde findet oder ihr durch
Dünger einverleibt, wenn er durch die Saat eine Krnte erzielt oder
das Futter durch die Kuh in Milch und Fleisch umwandelt usw., wie
der Industrielle, der aus dem Steinkohlenteer die einzelnen Stoffe
extrahiert und sie für die Zwecke der Färberei und Parfümerie durch
chemische Umwandlung brauchbar macht. Bei jedem Produktions-
prozesse aber ist die Voraussetzung, daß ein UVeberschuß aus den ver-
brauchten Werten erzielt wird, und überall kann dieser Ueberschuß
über den Aufwand hinausgehen und damit zur Erhöhung des Volks-
wohlstandes dienen. Die Erfahrung hat gezeigt, daß dieses in der
Industrie im allgemeinen in höherem Maße geschieht als in der Land-
wirtschaft.

In der gleichen Weise erhöht der Handel den Wert der Gegen-
stände, wenn er sie auch unverändert läßt. Das Gewerbe des Verkehrs
bringt die erzeugten Gegenstände, z. B. die Kohlen, das Getreide von
dem Produktionsorte, wo sie im Ueberflusse vorhanden sind und da-
durch im Werte niedrig stehen, in die Gegenden höheren Bedarfs und
erhöht deshalb den Wert derselben. Dasselbe Quantum Kohle oder
Getreide hat durch eine angemessene Verteilung im Lande eine erheb-
liche Werterhöhung erfahren, derselbe Vorrat hat im Lande weit
größere wirtschaftliche Bedeutung gewonnen, der Volkswohlstand ist
dadurch wesentlich erhöht. Der Handel wirkt in der gleichen Weise
auch ohne Transport, indem er die Gegenstände in die Hände über-
führt, welche einen besseren wirtschaftlichen Gebrauch davon machen
können. Wenn zwei Gutsnachbarn die aufgezogenen Tiere ihrem Be-
darf entsprechend austauschen, indem der eine zu viel Kühe, der andere
zu viel Pferde hat, und jeder von dem anderen bezieht, was ihm zur
Komplettierung seines Inventars fehlt, so haben durch den Tausch
jene Tiere sowohl für die Privatwirtschaften, welche sie empfingen, wie
für die ganze Volkswirtschaft einen höheren Wert erhalten. Durch
den Tausch fand eine Wertproduktion statt. Der Handel ist in dieser
Weise ebenso produktiv wie die Industrie. Er bildet ein Mittelglied
oder den Schluß des Produktionsprozesses und ist als ein Teil des-
selben aufzufassen, der erst beendigt ist, wenn der Gegenstand in der
Hand des Konsumenten seine Bestimmung der Bedürfnisbefriedigung
erreicht hat. Ein Unterschied zwischen dem Außen., d. h. internatio-
nalen Handel, und dem Innenhandel ist hierbei nicht anzuerkennen.

Die Verkennung der Bedeutung des Handels und die vielfach ihm
entgegengebrachte Mißachtung ist auf die Beobachtung zurückzuführen,
daß der Handel auch unproduktiv auftritt. Das kann der Fall sein,
wo eine künstliche Preissteigerung durch Spekulation oder durch
Monopolisierung herbeigeführt wird, ohne zugleich eine Wertsteigerung
zu erzielen. Es handelt sich dann allein um eine Wertverschiebung,
und der Kaufmann bereichert sich auf Kosten des Produzenten oder
Konsumenten, ohne der Volkswirtschaft zu nützen, Aber, weil eine
Spekulation unproduktiv und einseitig auf die Ausbeutung des Publi-
kums gerichtet sein kann, ist, wie später zu zeigen sein wird, nicht
jede Spekulation unproduktiv. Weil eine Anzahl Kolonialwaren-
händler, Zigarrenläden usw. überflüssig sind, sind nicht alle entbehrlich.
Weil in einer kleinen Stadt durch Ringbildung die Kaffeepreise zu

hoch geschraubt sind, ist nicht die Preiserhöhung durch den Detail-
handel überhaupt ungerechtfertigt und der Zwischenhandel entbehrlich

°roduktivität
des Handels.