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Westfalen ihre Industrie dem Reichtum an unterirdischen Schätzen.
Eine blühende Landwirtschaft wird in der Lüneburger Heide schwer
zu erzielen sein. Ein Boden, wie die russische Schwarzerde, die ohne
Düngung Jahrzehnte die reichsten Ernten gewährt, wird hierin stets eine
Ueberlegenheit über minder fruchtbare Gegenden bedingen. Wenn man
in Finnland in einem Dezennium nur auf drei günstige Ernten rechnet,
weil die Nachtfröste zu häufig die Saaten zerstören, während man in
der Umgegend von Neapel in einem Jahre dem Boden mit ziemlicher
Sicherheit drei Ernten abgewinnen kann, so ist dadurch der gewaltige
Unterschied gekennzeichnet, den die natürlichen Bedingungen der Land-
wirtschaft als Grundlage gewähren. Die Vegetationszeit wird im Norden
von Europa auf drei, im Süden aber auf neun Monate angenommen.

Doch darf man die Bedeutung der angegebenen Momente für
höhere Kulturstufen auch nicht überschätzen.

Wenn Justus von Liebig einmal sagt: „Immer und zu allen
Zeiten ist es der Boden mit seiner Fruchtbarkeit gewesen, der über
das Wohl und Wehe seiner Völker entschieden hat“, so ist das für
die neuere Zeit jedenfalls nicht mehr zuzugeben. Der Boden in Baby-
lonien, Aegypten, Griechenland und Spanien ist heute noch ebenso
fruchtbar, wie vor zweitausend Jahren — obwohl Liebig dieses be-
streitet —, und doch ist die Blüte jener Länder dahingeschwunden;
und sie können heutigen Tages mit von der Natur weit stiefmütter-
licher behandelten Ländern nicht konkurrieren. Mexiko, Rumänien, die
Türkei, Polen haben weit fruchtbareren Boden und zum Teil weit
günstigeres Klima als „des heiligen römischen Reiches Sandbüchse“,
hinter dem sie in wirtschaftlicher Kultur gleichwohl sehr bedeutend
zurückstehen. Die Mittel unserer Kulturstufe sind so. gewaltige, daß
sie dem tatkräftigen Menschen die Möglichkeit gewähren, die Ungunst
der Natur in hohem Maße auszugleichen. Die fruchtbaren Gegenden
des Oderbruchs und der Weichsel, die holländischen Polder nördlich
ron Groningen und in dem alten Haarlemer Meere sind erst durch
menschliche Kunst und Arbeit dem Wasser abgewonnen. Die Moor-
yegenden bei Groningen sind in derselben Weise in fruchtbares Acker-
land verwandelt; und wohlhabende Dörfer stehen da, wo früher eine
Oede war, wie sie diesseits der preußischen Grenze unter gleichen Be-
dingungen zum großen Teil noch heute daliegt. Reine Sandschollen
sind in der Umgegend von Berlin und Danzig durch Berieselung in
äußerst fruchtbare Felder verwandelt, wie auch in Flandern reine
Sandstrecken durch intensive Kultur zur Tragung reicher Ernten ge-
bracht sind. Schon vor zwei Jahrhunderten hat Frankreich in großer
Ausdehnung den Mangel an natürlichen Wasserstraßen durch Kanäle
zu ersetzen gewußt, und heutigen Tages ist man durch die Eisenbahnen
imstande, sie noch erheblich zu überlügeln. Reiche Industrie hat sich
in Sandgegenden angesiedelt, wie in Berlin, Luckenwalde und im Ge-
birgslande, wie im sächsischen Erzgebirge, dem Schwarzwalde, im Jura,
und jedes Jahrzehnt eröffnet uns neue Wege, um durch menschliche
Tatkraft zu schaffen, was die Natur freiwillig nicht gewährt hat.

Die Leistungen Englands und der amerikanischen Union sind doch
auch in der Hauptsache dem Unternehmungsgeist, dem energischen
Fleiß und der Intelligenz der Bevölkerung zu verdanken.

_. Wir kommen zu dem Ergebnis, daß zwar die natürlichen Ver-
hältnisse einen großen Einfluß auf die Gestaltung der Volkswirtschaft
ausüben und der wirtschaftlichen Entwicklung gewisse Grenzen ziehen,

Conrad, Grundriß der polit. Oekonomie. I. Teil. 8. Aufl

Einfluß des
Menschen auf
die Natur.