36
Kant und Helmholtz haben wiederholt über ihr schlechtes Gedächtnis
Klage geführt, während man bei Negern und sogar bei halben Idioten
mitunter ein sehr gutes Gedächtnis findet.

Die schnelle Fassungsgabe ist gleichfalls mehr bei Slaven und
Romanen als bei den langsamer denkenden Germanen zu finden. Dem
Italiener wird nachgerühmt, daß er mit besonderer Schnelligkeit das
aufgenommene Bild durch den Intellekt verwerte. Daher ist er ein
vorzüglicher Fechter und Chauffeur. Die Frau zeigt in der Schnelligkeit
der Auffassung eine entschiedene Ueberlegenheit über den Mann, der
mehr Zeit braucht, um sich alles zurechtzulegen und es zu beherrschen;
das ist ein Vorzug, der aber mehr im gesellschaftlichen Leben, als bei
der wirtschaftlichen Tätigkeit zur Geltung kommt; mehr bei kauf-
männischen als industriellen und landwirtschaftlichen Unternehmungen.

Dasselbe ist von der natürlichen Formgewandtheit zu sagen, in
welcher die Germanen gleichfalls den anderen Nationen in noch erheb-
licherem Maße nachstehen, als in den vorerwähnten Eigenschaften,
und auch hierin ist die Frau dem Manne bedeutend überlegen. Der
Engländer und Amerikaner weiß seinen Mangel durch rücksichtslosere
Handhabung der Ellenbogen zu ersetzen. Der rücksichtsvollere Deutsche
zieht aber dadurch gegenüber den anderen Nationen im Konkurrenz-
kampf des Weltverkehrs zu leicht den kürzeren. Der Slave und
Romane haben, was sie wissen, in jedem Momente präsent und verstehen
es in gefälliger Form zu verwerten. Sie erscheinen daher bei dem
ersten Eindrucke leicht mehr als sie sind. Bei dem Germanen pflegt
das Gegenteil der Fall zu sein, weil er Zeit braucht, um seinen Gehalt
zur Geltung zu bringen, und dieses meist in unvollkommener und
ungefälliger Form zuwege bringt. Es ist deshalb der. größte Fehler,
wenn gerade in deutschen. Familien Zu wenig. auf die Form gegeben
Far denn nurhei Beherrschung derselben. Sann die Sicherheit im
Xuftreten_ gewonnen werden, welche die Grundlage” für den Erfolg vor,
allem ım Sozialen Heben” bildet. Die preußischen Junker verdanken
Ihre Rolle im Staatsdienst in erster Linie der Beherrschung der Form,
die sie durch ihre häusliche Erziehung erlangen, und der ihnen da-
durch ermöglichten Sicherheit ihres Auftretens, die den bürgerlichen
Kreisen zu sehr fehlt. Der Gegensatz der Klassen ist bei uns größer
als bei anderen Völkern, weil die Formen verschieden sind, und sich
die untere Klasse den Gebildeten gegenüber unsicher und befangen
fühlt. In den romanischen Völkern besitzt auch der gemeine Mann
einen natürlichen Chique.

Von hoher wirtschaftlicher Bedeutung ist auch das gesellige Talent,
wie es z. B. der Franzose besitzt, der ohne äußere Hilfsmittel und
daher ohne Aufwand das s’amuser versteht, der Arbeiter bei einem
Piceknik im Freien, der Gebildete auf einem offenen Abend nach dem
Essen. Der Deutsche bedarf viel mehr des Alkohols oder einer wohl-
besetzten "Tafel, um in eine animierte Stimmung zu kommen, Die Ge-
selligkeit wird daher hier meist zu kostspielig. Der Franzose geht, wie
P. Heyse einmal sagt, in die Gesellschaft, um zu amüsieren, der Deutsche,
um amüsiert zu werden, wobei leicht keiner seine Rechnung findet.

Hier ist auch die Rednergabe zu erwähnen, die Fähigkeit, Emp-
findungen und Meiniäigen unmittelbar in wWohlgesetzten Worten zum
Ausdruck zu bringen, die gleichfalls dem Deutschen im großen und
ganzen, im Vergleiche zu den benachbarten Nationen, versagt ist, und
in der sich die Frauen sicher allgemein den Männern überlegen zeigen.