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Der Wiener Chirurg Billrot erzählt in einer Schrift über das Studium
der Medizin, daß er einmal bei Palermo gehört habe, wie ein Bauer
einem Arzte eine so vorzügliche Krankengeschichte seines Sohnes ge-
geben habe, wie die Wiener Assistenten sie nur selten zu geben ver-
möchten. Auch hier ist es nicht genug zu beklagen, daß gerade in
Deutschland sowohl auf der Schule wie auf der Universität für die Aus-
bildung der Beredsamkeit geradezu unverantwortlich wenig geschieht,
zumal in einer Zeit, wo es mehr denn je darauf ankommt, nicht nur

Kenntnisse zu besitzen, sondern sie auch zu verwerten, nicht nur eine
eigene Ansicht zu haben, sondern sie auch vertreten zu können. Daß
aber durch Schulung auch der Deutsche sich die Beredsamkeit an-
eignen kann, zeigt die Erfahrung und schon die Beobachtung in den
parlamentarischen Körperschaften. Bei verhältnismäßigem Mangel an
Gedächtnis, bei langsamem Denken und Mangel an natürlicher Form-
yewandtheit bedarf der Deutsche mehr als Angehörige anderer Natio-
aalitäten einer gründlichen Schulung des Geistes, um das zu ersetzen,
was jenen in die Wiege gelegt ist. Für ihn. iet_die Gymnastik des
Geistes durch Erlernung und Uebunz der alten Sprachen ungleich
iehtiger, als für F ranzosen, Italiener und Russen. “Jede Verminderung
der Schulung nach dieser Richtung schließt eine Minderung der Leistungs-
fähigkeit der Bevölkerung ein, zumal erfahrungsgemäß auch ein mittel-
mäßiger Lehrerstand bei unserer Ausbildung des grammatikalischen
Unterrichts bei der Masse der Durchschnittsschüler dadurch mehr zu
erreichen vermag als durch andere Lehrfächer, z. B. die Naturwissen-
schaften. Der Unterschied der Intelligenz zwischen Gebildeten und
Ungebildeten ist daher in keinem Lande so groß wie in Deutschland.
Wie Deutschland bei dürftigerem Boden und Klima nur durch
größere Arbeit wirtschaftlich dasselbe zu erreichen vermag als
die mehr begünstigten Nachbarländer, so kann es auch nur durch
scharfe Arbeit seine geistige Leistungsfähigkeit auf der gleichen
Stufe erhalten; unser Schulwesen ist daher mit Recht als die eigent-
liche Grundlage unserer nationalen Existenz hingestellt, und das-
selbe in seiner Schaffenskraft schwächen, hieße ein Verbrechen gegen
die Nation begehen. Vielleicht kann man sagen, die Deutschen sind
das bildungsfähigste-Volk, sicher aber das bildungsbedürftigste. Die
Erfahrung hat nun genugsam bewiesen, daß Deutschland frotz der
erwähnten Mängel ebensoviel und mehr zu leisten vermag, als die
anderen Länder, vermöge der besseren Schulung. und der noch zu
erwähnenden Eigenschaften: Der geschulte deutsche Arbeiter z. B.
findet sich leichter und schneller in neue Aufgaben und Verhältnisse,
als der meist einseitiger gebildete englische Ärbeiter und leistet da
mehr, wo Intelligenz verlangt wird.

‚ Die Konzentrations- und. Kombinationsgabe und damit
die Fähigkeit, sich nachhaltig und tiefer in eine Aufgabe hineinzu-
arbeiten, ist wohl der germanischen Rasse in höherem Maße eigen als
Slaven und Romanen, wie ebenso den Männern mehr als den Frauen,
Diese Gabe kommt besonders zur Geltung bei der philosophischen
Spekulation; sie ist die Grundbedingung für Erfindungen und deren
angemessene Verwertung. Sie bildet daher auf höherer Kulturstufe die
Hauptgrundlage für wirtschaftliches Schaffen. Darauf ist es un-
zweifelhaft zurückzuführen, daß gerade auf dem Gebiete der Philo-
sophie die erheblichsten Fortschritte den Germanen zu danken sind, und
daß sie ebenso die meisten und die bedeutsamsten Erfindungen gemacht

LP

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