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Einseitigkeit d. Dieser letztere Vorteil ist im großen Ganzen unzweifelhaft vor-
Me ehre ten ogend, wenn er auch seine Grenze hat; die erstere Auffassung ist
aber auf Grund der Erfahrung als falsch zu bezeichnen, wie gegen-
wärtig allgemein anerkannt wird, Sie wäre richtig, wenn in dem wirt-
schaftlichen Leben sich überall die Parteien mit gleicher Macht gegern-
überständen, wo danı "allerdings ein normaler Tausch mit gleichem
Gewinne für beide Parteien das Ergebnis wäre. Diese Gleichheit der
Macht ist aber weder im Verkehre im Inlande, noch in dem inter-
nationalen Handel zu finden. Ein auf hoher Stufe stehendes Industrie-
land wird denselben Artikel billiger liefern können, als ein Nachbar-
volk mit geringem Kapital, wenig ausgebildeter Arbeitskraft und
schlechten Kommunikationsmitteln. Es wird deshalb nicht nur auf
dem Weltmarkte, sondern auch im Inneren des letzteren Landes mit
seiner billigeren Ware die heimische Industrie aus dem Felde schlagen
und unterdrücken können; und beherrscht es den Markt hiernach, so
wird es sich übermäßige Preise zahlen lassen können. So hat in der
Tat England eine lange Zeit durch seine industrielle Ueberlegenheit
die anderen Länder auszubeuten vermocht, welche auf seine Produkte
Ungleichheit angewiesen waren. In der gleichen Weise sehen wir gegenwärtig
der Macht der;n der deutschen Textilindustrie den Handweber durch den Fabrikanten
unterdrückt, den kleinen Schneider durch den größeren Unternehmer.
Der Fabrikant, der 300 Arbeiter beschäftigt, kommt nicht in Ver-
legenheit, wenn auch mehrere Arbeiter ihm den Dienst kündigen,
weil ihnen der Lohn zu niedrig erscheint, oder Leute, die Arbeit bei
ihm suchen, auf seine Bedingungen nicht eingehen wollen. Er kann
ruhig warten, bis sich Ersatz findet. Der einzelne Arbeiter dagegen
wird nicht lange imstande sein, ohne Arbeit und Verdienst seine
Familie zu ernähren. Er sieht sich nach kurzer Zeit genötigt, sich
den ungünstigen Bedingungen zu fügen, die er bisher verworfen hat,
wenn nicht eine ähnliche Fabrik in der Nähe ist, die Arbeiter ge-
braucht; und wie häufig entlassen alle Fabriken derselben Branche
massenhaft Arbeiter, wenn die Konjunkturen ungünstig sind. Sie sind
in diesem Falle der stärkere Teil, ihnen haben sich die vereinzelten Ar-
beiter zu unterwerfen. Man weiß, wie auf solche Weise Ende des 18.
und zu Beginn des 19. Jahrhunderts in England die Löhne herab-
gedrückt wurden, so daß sich vielfach die Behörden veranlaßt sahen,
den Arbeitern aus der Armenkasse Zuschüsse zu ihren Löhnen zu ge-
währen, weil sie notorisch zu ihrem angemessenen Unterhalt nicht aus-
reichten. Die Heimarbeiter müssen sich meist mit den niedrigsten
Löhnen begnügen, da sie isoliert dem Arbeitgeber gegenüber zu treten
pflegen. So finden sich tatsächlich überall Ungleichheiten in der
Macht der sich gegenüberstehenden Parteien, wie sie durch die Ver-
schiedenheit der Intelligenz, die Ungleichheit des Besitzes usw. be-
dingt sind, und statt der von der alten Schule geträumten Harmonie
sehen wir vielmehr einen allgemeinen wirtschaftlichen Kampf um das
Dasein vor uns, der mit sehr verschiedenen Waffen geführt wird, und
bei dem keineswegs immer der siegende Teil als derjenige anzu-
sehen ist, der der Volkswirtschaft am meisten nützt, die Kultur am
meisten fördert, und der unterliegende die Verdrängung selbst ver-
schuldet hat. Eben deshalb können auch die von der Freihandels-
schule gezogenen Konsequenzen nicht als richtig anerkannt werden.
Man bedarf vielmehr in der .Staatsgewalt einer höheren Autorität,
die über den Parteien steht, den Schwächeren schützt und die in