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erbung und Tradition herausgestellt hat, können wir hier nicht näher
eingehen. Uns scheint, daß sich beides gegenseitig bedingt und fördert,
wie sich das im Wirtschaftsleben so häufig beobachten läßt. Die
höhere Intelligenz war es unzweifelhaft, welche zunächst den Ein-
zelnen in die Stellung des Häuptlings brachte, und diese verschaffte
ihm den doppelten Anteil an der Beute. Die besondere Anstelligkeit
und Geschicklichkeit war es, die die Klosterherren veranlaßte, einzelne
Hörige nur nach einer bestimmten Richtung zu beschäftigen und damit
zu Handwerkern auszubilden. Viel häufiger ist wohl der Fall einge-
treten, daß sich aus Handwerkern durch besondere Tüchtigkeit Fabri-
kanten herausbildeten, als daß große Handelsieute mit erheblichem Be-
sitze Fabrikanten geworden sind, wenn auch dieses natürlich vorkam.
Die großen Grundbesitzer haben nur selten große Betriebsamkeit be-
wiesen; trotz ihres Besitzes ist nur ausnahmsweise, z. B. in England,
ein Stand der großen Fabrikanten aus ihnen hervorgegangen. In
Deutschland jedenfalls hat er sich mehr aus persönlicher Tüchtigkeit
als durch Besitz emporgeschwungen, wie das noch heutigen Tages zu
beobachten ist. Auf der anderen Seite wird nicht zu bestreiten sein,
wie schon ausführlich dargelegt, daß das Kapital die Grundlage einer
ausgedehnten Arbeitsteilung ist und daher auch die Klassenbildung
tiefgreifend beeinflußt.

Die internationale Arbeitsteilung hat in neuerer Zeit enorm zu-
genommen. Laves hat berechnet, daß Deutschland Knde der acht-
ziger Jahre */,—*'/, seines Einkommens für ausländische Waren ausgab.
Schmoller schätzte für 1899 das Volkseinkommen auf 20—25 Milli-
arden, während die Einfuhr 5,6 Milliarden betrug. Helfferich nimmt
es für 1912 auf 40 Milliarden an, der Import bezifferte sich in diesem
Jahre auf 10,7, der Export auf 8,9 Milliarden, zusammen 19,6 Milli-
arden, so daß ein Viertel des Einkommens an das Ausland für von
dort bezoyene Waren verausgabt wurde.

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Vorzüge und Nachteile der Arbeitsteilung,
An Die Adam Smithsche Schule sah in der Arbeitsteilung nur
Vorteile für die Gesamtheit und meinte, ein wirtschaftliches N aturgesetz
gefunden zu haben, nach welchem, mit der Ausbildung der Arbeits-
teilung und Erweiterung derselben, die wirtschaftliche Leistungsfähig-
zeit des Einzelnen immer mehr gesteigert werde. Hauptsächlich sah

sie die Vorteile in dreierlei Hinsicht:
\usbildung der 1. Durch dieselbe kann die höchste Ausbildung der Arbeitskraft
Ahekeit jedes Einzelnen erzielt werden. Schon Adam Smith führt das
Beispiel an, daß ein Grobschmied nur wenige Nägel am Tage werde
anfertigen können, ein Nagelschmied aber, der nichts anderes tut als
Nägel schmieden, darin eine so außerordentliche Geschicklichkeit zu
erlangen pflege, daß er mehr als das Zehnfache liefern könne. Nur
durch die Konzentrierung seiner Tätigkeit nach einer bestimmten Rich-
tung erlangt der Feilenhauer die Fertigkeit, mit völlig gleich starken
Schlägen die Riefen in gleicher Entfernung voneinander in das Eisen-
stück zu schlagen, wovon die Güte der Feile abhängt. Die Modell-
arbeiterinnen in den Pariser Ateliers, die sich nur damit beschäftigen,
neue Muster von Hüten, Schleifen usw. herzustellen, bilden ihren Ge-