86

Produktions-
jedingungen d.
Waren als
Grundlage der
Geldwerts-
bestimmung.

man nicht das arithmetische Mittel der Preise der verschiedensten
Waren nehmen kann, ohne zu Fehlschlüssen zu gelangen. Summieren
wir den Preis des Weizens pro Zentner mit dem von Gewürzen, den
Preis der rohen Wolle mit dem von Spitzen, so wird der Einfluß der
ersteren völlig zurückgedrängt, während teure Gegenstände, welche
in der Volkswirtschaft eine ganz untergeordnete Rolle spielen, den
Durchschnitt in hohem Maße beeinflussen. Auch privatwirtschaftlich
wird das Bild verschoben, weil in einer Häuslichkeit im Jahre nur
eine ganz geringe Summe für Gewürze ausgegeben wird, eine ganz
erhebliche dagegen für Weizen. Es ist deshalb unumgänglich not-
wendig, auch die Quantitäten zu berücksichtigen, welche in dem
Lande zur Verwendung gelangen, also die ungefähr im Jahre ver-
brauchte Quantität Weizen und ebenso die an Gewürzen. Der Ein-
fluß einer Veränderung des Geldwertes wird aber bei den verschiedenen
Gesellschaftsklassen je nach ihrem Einkommen und ihrer Lebensweise
ein außerordentlich verschiedener sein. Man wird die Preise anderer
Gegenstände heranziehen müssen, wenn man die Einwirkung auf die
Arbeiterklasse konstatieren will, als wenn man die Mittel- oder die
wohlhabende Klasse dabei im Auge hat. Derartige Untersuchungen
sind natürlich außerordentlich schwierig und bisher noch nicht in
ausreichender Weise durchgeführt. Wir können deshalb tatsächlich
die Schwankungen des Geldwertes nicht mit irgendwelcher Genauig-
keit statistisch messen und daher überhaupt nicht übersehen.
Die*Entwertung des Geldes braucht aber auch nicht von dem
Kdelmetalle ausgegangen zu sein, sondern die Ursache kann in den
Veränderungen der Produktion der Waren liegen oder in
sonstigen Einflüssen, welche die Preise von wesentlichen Gütern be-
stimmen. Alle Momente, welche. die Produktion verbilligen, werden die
Kaufkraft des Geldes erhöhen, alle diejenigen, welche die Produktion
;der die Ausgaben für..das Leben verteuern, werden in der gleichen
Weise auf, eine Entwertung des Geldes hinwirken. In einem Lande,
in dem die Löhne besonders hoch sind, wo außerdem durch eine dichte
Bevölkerung, namentlich in den Städten, der Wert des Grund und
Bodens sehr in die Höhe getrieben ist, daher hohe Mieten zu zahlen
sind, wo hohe Schutzzölle die Preise der Waren künstlich erhöhen,
wird das Leben teuer sein. Das Geld hat dort eine geringere Kaufkraft,
als in einem anderen Lande, wo dergleichen Verhältnisse nicht vor-
handen sind ; und innerhalb desselben Landes wird in den großen Städten
infolge der hohen Mieten und daher wiederum der hohen Löhne z. B. ein
Arbeiter, ein Beamter nicht mit der gleichen Summe auskommen, die in
jer kleinen Stadt oder auf dem Lande gerade ausreichte. Die allgemeine
Steigerung der Löhne infolge der Arbeiterbewegung in den letzten
Dezennien bildete ein wesentliches Moment der Geldentwertung,
während dagegen die große Zahl der Erfindungen von Maschinen
oder neuen Methoden, welche die Herstellungskosten vermindern, Ent-
deckungen und sonstige Fortschritte eine Menge Gegenstände in
den letzten Dezennien erheblich verbilligten. Man braucht nur an
Petroleum, Zucker, die gewöhnlichen Textilwaren, viele Chemikalien,
Brillen usw. zu denken, um sich dieses zu vergegenwärtigen. Die
Verminderung der Transportkosten im Inlande durch die Bahnen, im
iberseeischen Verkehre durch die Durchstechung der Landenge von
Suez, die Ausbildung des Dampfschiffsverkehres und der Bau großer
Stahlschiffe hatten nicht nur den Preis der meisten Materialwaren