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thekengläubiger leiden können. Auch in Handel und Industrie er-
achlafft der Unternehmungsgeist, denn Niemand wagt aus Furcht
vor dem weiteren Sinken der Preise Ware auf Vorrat zu kaufen
and auf Vorrat zu arbeiten. Jeder muß sich dabei mit einem ge-
ringeren Verdienst begnügen, alle Geschäfte haben einen schleppenden
Gang. Die ganze Volkswirtschaft befindet sich in gedrückter Lage.
Dagegen hat der Rentier und der Beamte einen Vorteil davon, die
feststehenden Einnahmen ermöglichen ihm ein besseres Leben.
Auch der Arbeiterstand kann zunächst dabei gewinnen. Doch liegt
lie Gefahr vor, daß bei dem Rückgang der Geschäfte, bei ausge-
brochenen Bankerotten viele Arbeiter beschäftigungslos werden und
ladurch in Not geraten. Eine Erhöhung des Geldwertes wird des-
halb im allgemeinen der Entwicklung der wirtschaftlichen Kultur
nicht günstig sein.

Nachdrücklich ist aber zu. betonen, daß.nur die Veränderungen
im Geldwerte. die. erwähnte. Wirkung haben, während ein. Stillstand
1es Geldwertes ‚allmählich, eine Ausgleichung zur Folge hat und es
Jah Sanz gleichgültig ist, .ob die Preise. hoch oder..niedrig sind;
38”ist das nur ein rein rechnerischer Unterschied, aber kein wirt-
schaftlicher. Haben sich die Löhne den veränderten Preisen erst
angepaßt, hat Jeder eine klare Uebersicht über die zu erwartenden
Einnahmen, so wird das ganze wirtschaftliche Leben sich danach
aingerichtet haben. Und ob jetzt mit Talern bezahlt wird, was früher
nur Mark kostete, ist dabei für den innern Verkehr ganz gleichgültig
und bringt. nur für den Handel mit dem Auslande Veränderungen
hervor, wenn dort die Wertverschiebung nicht in gleicher Weise vor
sich gegangen ist. Davon ging, wie wir sahen, auch John Stuart
Mill aus, als er sagte, eine Verdoppelung des Geldvorrates würde
keine andere Wirkung haben als eine Verdoppelung aller Preise und
Löhne, er übersah nur, daß dies sich erst durch eine wirtschaftliche
Revolution vollziehen kann, weil, wie oben angeführt, die Nachfrage
nach den verschiedenen Gegenständen sich sehr ungleich gestalten
würde, mit allen sich daraus ergebenden Folgen.
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DieGeschichteder Wertschwankungen der Edelmetalle.

Helferich, Ueber die periodischen Schwankungen der Werte der edlen Metalle
Nürnberg 1848.

Ders., Die Geldentwertung im 16. u. 17. Jahrh. Z. f. Staatsw., Bd. XIV.

Die historische Entwicklung des Geldwertes läßt sich nicht mit
Genauigkeit verfolgen, wie oben festgestellt wurde. Die Schwan-
kungen sind indessen in den verschiedenen großen Perioden der Welt-
geschichte So bedeutend gewesen, daß doch gewisse Phasen derselben
Berücksichtigung verdienen. Vor allen Dingen ist darauf aufmerk-
3am zu machen, daß der Vorrat an Edelmetall schon im klassischen
Altertume ein sehr erheblicher war, der infolge der Konzentrierung
auf ein kleines Territorium und eine geringe Bevölkerung, welche
den damaligen Weltverkehr umfaßte, sehr erheblich ins Gewicht fiel.
Dazu kommt, daß die Verteilung jenes Vorrats eine weit geringere
war als in der neueren Zeit, vielmehr die Konzentration in einzelnen
Händen alles übersteigt, was in dieser Beziehung gegenwärtig auch
aur annähernd vorkommt. Der Schatz des Ptolomäus Phila-

Altertum.