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lation erheblich angeregt, und der Unredliche wird geneigt sein, um
so gewagtere Spekulationen zu übernehmen, je weniger dabei von
eigenem Vermögen auf dem Spiele steht. und das Risiko auf anderen
Schultern ruht. Während auf der einen Seite also die Kreditwirt-
schaft größere Solidität in der Bevölkerung veranlassen wird, kann
sie andrerseits im Einzelfalle die Unsolidität fördern. Durch Kredit
kann das Übergewicht des Besitzenden über den Besitzlosen noch
gesteigert werden, weil demjenigen, dem ein mäßiges Vermögen zur
Seite steht, noch leicht ein Kapital kreditiert wird, was ohne solche
Sicherheit nur selten geschieht. Dem reichen Manne stehen aber
fast unbegrenzte Kapitalien zur Verfügung.

Ein Hauptnachteil einer verallgemeinerten Anwendung des Kre-
dites ist, daß die ganze Volkswirtschaft einen schwankenden und
unsicheren Charakter annimmt. Der enge Zusammenhang der Wirt-
schaftenden ermöglicht auch wirtschaftliche Rückschläge besonders
tiefgreifender Natur und in höchster Ausdehnung. Daß die land-
wirtschaftliche Depression am Ende des letzten Jahrhunderts zum großen
Teile auf die Ueberschuldung zurückzuführen ist, wird allgemein an-
erkannt. Der Großgrundbesitzer hat infolge der größeren hypotheka-
rischen Ueberlastung weit mehr gelitten als der weniger verschuldete
Bauer.

Verhängnisvoll wäre es aber, dem Grundbesitzer deshalb seine
Kreditfreiheit beschränken zu wollen. Man würde gerade den
tüchtigeren, aufstrebenden Landwirten die Hände binden und sie
unfähig machen, die Konkurrenz mit dem Auslande aufzunehmen.
Wir kommen in der Volkswirtschaftspolitik auf diese Frage zurück.

Der Kredit erweist sich nach Allem als ein zweischneidiges
Schwert, welches den leicht verwundet, der es nicht zu handhaben
versteht, dagegen denjenigen unterstützt, der den richtigen Gebrauch
davon macht. Der Kredit ist es gewesen, der erst die moderne
Weltwirtschaft zur Entwicklung brachte und die Fortschritte der
Kultur ermöglichte, die wir gegenwärtig genießen. Durch eine
größere Reife der Bevölkerung und richtigeres Verständnis für die
Volkswirtschaft wird es allmählich gelingen, die schädlichen Auswüchse
zu beschneiden und die Gefahren zu mildern.

Kapitel IV.
Die Arten der Volkswirtschaft.
$ 40.
Verschiedene Einteilung der wirtschaftlichen
Entwicklune,
Fr. List, Nationales System der politischen Oekonomie, Stuttgart 1840.

Bücher, Entstehung der Volksw. Tübingen 1909 und Art. Gewerbewesen im
Handwörterbuch d. Staatsw. |

B. Hildebrand, Jahrbücher für Nationalökonomie, Jahrg, 1864.

Ed. Meyer, Die wirtschaftliche Entwicklung des Altertums. Jahrbücher für
Nationalökonomie 1895. | | |

Sombart, Die gewerbliche Arbeit und ihre Organisation. Archiv f. soz. Ge-
setzg. 1899, Bad. 14.

Schmaller, Grundriß II S. 668,