33

8 41.
Die Natural-, Geld- und Kreditwirtschaft.

Die charakteristischen Eigentümlichkeiten der Naturalwirt-
schaft liegen in folgenden Punkten:

1. Grundbesitz und menschliche Arbeitskräfte sind die einzigen Pi
Güterquellen. Die Produktion bewegt sich noch in den einfachsten “der Natural-
Formen und dient fast nur zur unmittelbaren Befriedigung der laufen- Wirtschaft.
den Bedürfnisse. Arbeitsteilung ist nur innerhalb des Familienkreises
yorhanden, der Umsatz der Produkte ist durchaus lokalisiert.

2. Produktion wie Konsumtion sind im höchsten Maße ungleich-
mäßig und fallen von einem Extrem ins andere. Bald wird die Arbeits-
kraft in Jagd- und Fischzügen übermäßig angestrengt, während darauf
wieder Zeiten der Muße und der Unverwertbarkeit der Arbeitskraft
folgen. In der gleichen Weise wechseln Ueberfluß und Mangel, je
nachdem Jagdzüge von Erfolg gekrönt waren und der Ernteausfall
sich gestaltete. Die Urkunden aus dem Mittelalter berichten von jenem
Wechsel zwischen grenzenloser Hungersnot, welche die Bevölkerung
dezimierte, und Ernteüberfluß, wo ein Teil des Ertrages keine Ver-
wertung finden konnte. Die Bevölkerung gewöhnt sich daher daran,
bald zu darben, bald zu schwelgen, überhaupt nur dem Moment zu leben.

3. Die erzielten Produkte, in der Hauptsache Nahrungsmittel,
signen sich nicht zur Aufbewahrung, sondern gehen leicht zugrunde.
Auch deshalb wird verbraucht, was erzielt ist, ohne Vorsorge für die
Zukunft. Es fehlt an dem entsprechenden Mittel, Ueberschüsse als
Reserve aufzuspeichern und daher überhaupt Wohlstand zu erzielen.
Aus demselben Grunde gebricht es an jeder Anregung, mehr zu leisten,
als die Fristung des Lebens erfordert, und die Leistungsfähigkeit
allseitig auszubilden. Schlaffes Hinvegetieren ist zur Zeit der Natural-
wirtschaft das Gewöhnliche, die allgemeine Stagnation läßt Jahr-
hunderte vergehen, ohne einen wesentlichen Fortschritt.

4. Da es an den Hilfsmitteln des Kapitals fehlt, ist die völlige
Abhängigkeit von der Natur gegeben, die der Mensch nicht beherrscht,
sondern von der er, wie die Tierwelt, völlig beherrscht wird.

5. Es stehen sich allein die Inhaber des Grund und Bodens und
der Arbeitskraft gegenüber, Da der letztere ohne Grund und Boden
zeine Kraft nicht verwerten kann, ist er in unbedingter Abhängigkeit
von jenem. Es bildet sich daher allgemein entweder die persönliche
Sklaverei oder das Hörigkeitsverhältnis, die Gebundenheit an die
Scholle aus, die sowohl im Altertume, wie im Mittelalter und in der
Gegenwart bei den primitivsten Völkerschaften zu finden sind.

6. Dies überträgt sich auch auf die politische Organisation. Wie
der Grundherr den Bauern Land zur Benutzung überläßt gegen Natural-
lieferungen und Dienste mannigfaltiger Art, so belohnt der Staat die
ihm geleisteten Dienste durch Belehnung mit Land, sowohl an Beamte,
wie an die Heeresfolge leistenden Vasallen, die dasselbe wiederum,
da sie es nicht selbst verwerten können, in der gleichen Weise an
Bauern überlassen. Es bildet sich der Lehns- oder Feudalstaat mit
ausgedehnter Domanialwirtschaft aus, die nicht nur während des
Mittelalters in Deutschland zu finden ist, sondern auch in Persien
zur Zeit der Blüte, im alten Mexiko zur Zeit der Entdeckung Amerikas
ınd in Japan noch in späterer Zeit.