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wirtschaft wird durch ein Steuersystem ersetzt, um dem Staate die
nötigen Mittel zu verschaffen. Alles wirkt darauf hin, an Stelle des
Feudalstaates die absolute Monarchie zur Ausbildung zu bringen.

Wurde in der Zeit der Naturalwirtschaft allein für den Lokal-
bedarf gearbeitet, so erweitert sich die Tätigkeit zur Zeit der Geld-
wirtschaft auf einen ausgedehnteren Umkreis.

Die Kreditwirtschaft führt dann mehr und mehr zum inter-
nationalen Verkehre und ermöglicht denselben erst in so durch-
yreifender und charakteristischer Weise, wie ihn die Gegenwart auf-
zuweisen hat.

1. Wurde durch die Einführung des Geldes die Kapitalsbildung
in ausgedehnterem Maße ermöglicht, so nimmt sie in der letzten Ent-
wicklungsphase nie geahnte Dimensionen an, ermöglicht die Konzen-
trierung des Kapitals zur Produktion im Großen und fördert überall
den Uebergang vom Klein- zum Großbetrieb in Handel und Industrie.
Die Entwicklung des Wohlstandes wie der Lebensansprüche geht in
beflügelter Weise vor sich.

9. Die sich ausbildende internationale Arbeitsteilung, wie der
hochgespannte Bedarf im Inlande, bringen wiederum größere Schwan-
kungen in die Produktions- und Konsumtionsverhältnisse, damit größere
Unruhe und Ungleichmäßigkeit in den volkswirtschaftlichen Betrieb.
Die Spekulation greift, unterstützt und getragen durch den Kredit,
in alle Verhältnisse ein. Weil die Basis des Besitzes im Vergleich
zum Umsatze weit geringer geworden ist, muß auch das Risiko größer
werden und der Konjunkturenwechsel größere wirtschaftliche KEr-
schütterungen herbeiführen, als sie zur Zeit der Geldwirtschaft vor-
handen waren. Die wirtschaftlichen Krisen sind eine besondere Kigen-
tümlichkeit der neuesten Wirtschaftsphase, unter der die Arbeiter-
klasse besonders leidet. .

8. Durch das überall eingreifende Kapital steigt die Nachfrage
nach Arbeitskräften und führt im großen Ganzen zu einer wachsenden
Besserung der Lage der unteren Klasse und Hebung ihrer wirtschaft-
lichen wie politischen Bedeutung. Die Lebensansprüche derselben
wachsen aber in noch stärkerem Maße, so daß der Gegensatz der
Klassen verschärft erscheint, obgleich die wirtschaftliche Unterlage
eine Ausgleichung erfahren hat. Hatte die Geldwirtschaft die alten
Standesgruppen aufgelöst und atomisierend gewirkt, so bildet sich
jetzt wiederum der Assoziationsgeist aus. Aber die Vereinigungen
sind. nicht durch strengen Kastengeist abgeschlossen und festgelegt,
sie erwachsen auf dem Boden der Freiheit durch momentan VOor-
liegende Bedürfnisse, verbinden ihre Mitglieder nur zeitweise und
für bestimmte wirtschaftliche, soziale oder politische Aufgaben. Der
Kredit verknüpft die Interessen der verschiedensten Wirtschafts-
gruppen und bildet dadurch den Assoziationsgeist aus, der für unsere
Zeit typisch ist und in diesem Jahrhundert sicher noch eine größere
Entfaltung erfahren wird.

4. Sobald die Herrschaft des Kapitals mit ihrer wirtschaftlichen
Bedeutung mehr und mehr in den Vordergrund tritt, verschwindet das
Uebergewicht des Grundbesitzes. Der landwirtschaftliche Betrieb büßt
den alten patriarchalischen Charakter ein, wird mehr und mehr der in-
dustriellen Unternehmung ähnlich und verliert damit die alte Stabilität.

5. Auf den Feudalstaat folgte die absolute Monarchie, auf diese
das konstitutionelle System oder die Republik, gestützt durch eine

Kreditwirt
schaft.