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davon, daß der Kaufmann sehr geneigt ist, Ware, deren Preis zurück-
gegangen ist, nicht auf den Markt zu bringen, sondern sie zurückzu-
halten, bis die Preise sich gehoben haben, streben Kartelle, Ringe usw.
lanach, gemeinsam einen Einfluß dahingehend auszuüben, überschüssige
Waren vom Markte zurückzuhalten. In der gleichen Weise üben die
Arbeitervereine einen Druck aus, ihre arbeitslosen Mitglieder von der
Bewerbung um Arbeit, resp. von der Wiederaufnahme der Arbeit zurück-
zuhalten, um die Lohnentwicklung für sie günstig zu beeinflussen.

Die Spekulation steigert oft künstlich die Nachfrage wie das An-
gebot über das Verhältnis von Vorrat und Bedarf hinaus.

Die Nachfrage ist ferner, wie bereits angedeutet, von verschiedener
Dringlichkeit und daher ungleicher Wirkung, wobei außer wirtschaft-
lichen Momenten auch subjektive Motive eine große Rolle spielen, wie
persönliche Liebhaberei, Leichtsinn, Unkenntnis, während bei dem An-
gebot die Gewandtheit des Verkäufers, unterstützt durch Fachkenntnis,
Uebersicht über die Marktverhältnisse usw. sehr ins Gewicht fallen.
Doch ist nicht zu verkennen, daß diese persönlichen Faktoren hervor-
vagenden Kinfluß nur im vereinzelten Falle ausüben, in dem volks-
wirtschaftlichen Verkehr aber im Darchschnitte verschwinden. Wich-
tiger ist der psychische Einfluß einer Furcht vor Mangel oder Ueber-
äuß, wodurch die Energie von Angebot und Nachfrage bedeutend
verschärft wird und die Preisschwankungen wesentlich über das Ver-
hältnis von Vorrat und Bedarf hinaus verschärft werden.

Mit den Unkosten werden nach dem Gesagten auch die Preise
steigen resp. sinken. Gegenstände, deren Herstellungskosten gleich
hoch sind, müssen unter sonst gleichen Verhältnissen und bei wirk-
samer Konkurrenz gleiche Preise haben. Unter den Herstellungs-
kosten wird auf die Dauer eine Ware nicht hergestellt und abgesetzt
werden können.

Von diesen Regeln treten nun aber viele Ausnahmen ein, die von
der alten Schule zu sehr ignoriert wurden.

Güter, welche sich leicht und hinreichend ersetzen lassen (Surro-
gzate), können nicht sehr abweichende Preise zeigen, wodurch Modi-
fikationen der Regel herbeigeführt werden müssen. Steigt der Kaffee
im, Preise, so vermehrt das die Nachfrage nach Zichorien und ver-
teuert dieselben, auch wenn die Herstellungskosten sich nicht ver-
ändert haben, Die Preise der verschiedenen Getreidearten beeinflussen
sich gegenseitig. Ist die Weizenernte eine günstige, die Roggenernte
dagegen eine ungünstige gewesen, so nähern sich die Preise der beiden
Produkte; sie halten sich aber auch gegenseitig in Schranken. Der
Konsum wirft sich bei diesem Beispiel von dem Roggen auf den
Weizen, vermindert den Ueberschuß an Weizen und entlastet den
Roggen. Hohe Preise des Roggens verbieten eine ausgedehnte An-
wendung desselben zu Viehfutter und erweitern den Bedarf an Hafer
and Gerste, während bei einer Mißernte an Hafer geringe Qualitäten
des Roggens und Weizens (dieser besonders als Geflügelfutter) Ersatz
bieten müssen. Während des Krieges von 1914 spielt das Kartoffel-
mehl usw. als Zusatz zum Brote, um namentlich Weizenmehl zu sparen,
eine große Rolle. Verteuerung des Schweinefleisches wirkt auch auf
Hammel- und Rindfleisch zurück. Bei allgemein hohen Preisen der
Hauptfleischsorten wird auch das Geflügel, das Wild usw. teurer, auch
wenn deren Beschaffungskosten unverändert geblieben sind. Die Ver-
schiebung von Angebot und Nachfrage kommt hier in der Preis-

Surrozate.