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Zwang zur
Reserve-
haltune.

macht, der Kaufmann Waren bezieht usw.; der Bankier verwendet
das Geld in seinem Interesse, indem er einem Kunden Darlehen ge-
währt. Dieser wiederum, sagen wir ein Fabrikant, benutzt den Vor-
schuß, um seine Arbeiter zu bezahlen, die ihrerseits damit Einkäufe
machen; und alles dieses vollzieht sich noch während derselben
Wochen, während welcher die Depositen der Bank übergeben sind.
Dieselbe Summe hat damit mehrfache wirtschaftliche Funktionen zu
gleicher Zeit übernommen und leistet deshalb für die Gesamtheit das
Mehrfache von dem, was ohne die Vermittlung der Bank möglich
wäre. Hierin liegt der Hauptvorteil der Banken für den Geldumlauf,
und dieser wird im allgemeinen nicht genügend gewürdigt. Der
Wohlstand eines Landes kann deshalb durch Erweiterung des Bank-
wesens ohne Erhöhung des Kapitalsvorrates selbst in bedeutendem
Maße gesteigert werden. Die wirtschaftliche Ueberlegenheit Eng-
lands und Amerikas über Deutschland beruht zum nicht geringen
Teile auf der besseren Ausbreitung und Ausnutzung des Bankwesens
and der dadurch bewirkten besseren Verwertung der vorhandenen
Kapitalien. Wie weit der Depositenverkehr Deutschlands hinter
dessen Ausdehnung in England und den Vereinigten Staaten zurück-
Dleibt, läßt sich zahlenmäßig nicht präzisieren, da der Begriff der
„Depositen“ nicht der gleiche und ihr Betrag nur teilweise bekannt
st. Dazu ist die ungleiche Ausdehnung und Benutzung der Spar-
kassen zu berücksichtigen.

3. Durch den Depositenverkehr wird der Deponent zu größerer
Kassenhaltung bewogen, damit gezwungen, eine größere dauernde
Reserve zu bewahren, die ihm in Zeiten der Krisen eine weit be-
deutendere Widerstandskraft und Sicherheit verschafft, Es liegt in
der Natur der Sache, daß sich Jeder scheut, größere Summen tot bei
sich im Kasten liegen zu haben, und sich deshalb leicht verleiten
läßt, vorhandene Gelder zu Ausgaben zu benutzen, die wirtschaftlich
nicht gerechtfertigt sind und sich überhaupt mehr von Mitteln zu
entblößen, als es die Solidität des Unternehmens und die momentane
finanzielle Sicherheit rechtfertigen. Das liegt schon vor, wenn die
betreffenden Ausgaben für Produktionszwecke, also nicht unfruchtbar,
geschehen sind. Es "tritt aber noch die Gefahr hinzu, daß der vor-
handene Barvorrat zu Luxusausgaben verleitet und den Leichtsinn
befördert. Ganz anders, wenn alle Ueberschüsse der Bank zufließen
and dort ihre Verwertung finden. Sie werden erfahrungsgemäß dort
viel länger erhalten und aufgesammelt als in der eigenen Kasse. In
England erzwingen die größeren Banken noch dadurch eine besondere
Reserve, daß sie verlangen, daß ein gewisser Teil der Jahreseinlagen
im Durchschnitte in der Bank verbleibt, um derselben entsprechenden
Nutzen zu gewähren. Die Bank von England hat den Grundsatz
aufgestellt, daß die Führung eines Kontos für sie nur dann lohnend
sei, wenn die Zahl der in einem Jahre gezogenen Schecks multiph-
ziert mit 6 Pence per Stück dem Zinsbetrage des Mindestguthabens
zleich ist. Hält ein Kunde 500 Pfund Sterling, so erachtet es die
Bank für nötig, 100 Pfund Sterling als unbeschäftigt anzusehen, was
bei 3% im Jahre ebenso viel ergibt, als wenn 480 Schecks über das
Guthaben einliefen, welche mit einer Gebühr von 6 Pence belastet
wurden. Die deutsche Reichsbank verlangt von kleinen Firmen nur
500 M. als Mindestguthaben, von Kontoinhabern, die große Umsätze