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Natur des Wechsels und seine volkswirtschaftliche Bedeutung zu
übersehen, und diese wiederum werden am leichtesten durch die Ver-
folgung seiner historischen Entwicklung erfaßt, auf welche wir in-
folgedessen zunächst näher eingehen müssen.

Schon früher ergab sich für die Wechsler im Mittelalter die
Aufgabe, neben der an Ort und Stelle zur Zahlung notwendigen
Münze auch diejenige zu liefern, welche zur Zahlung im Auslande
nötig war. Bei der Unsicherheit und Schwierigkeit.des Reiseverkehrs
lag es nun nähe, auf Mittel zu sinnen, Zahlungen im Auslande zu
ermöglichen, Ohne den Transport großer Summen dabei notwendig zu
machen. Kın solcher Weg ergab.sich.dadurch,. daß die Wechsler..an
den Haupthandelsplätzen des Auslandes Geschäftsteilhaber stationierten
säer Geschäftsfreunde zu gewinnen suchten, die für sie Zahlungen.in
Empfang nahmen. und Zahlungen leisteten. Hatte nun ein Kaufmann,
Sagen wir in Venedig — denn von Italien ging die Entwicklung des
Wechsels aus —, eine Zahlung in Marseille zu leisten, so wendete
er sich an einen‘ Wechsler an Ort und Stelle, zahlte bei diesem die
betreffende Summe, etwa 1000 Dukaten, ein und erhielt hierfür nicht
die entsprechende Summe in französischem Gelde, sondern einen Brief
an den Socius des Wechslers in Marseille, worin er ihn beauftragte,
L000 Dukaten in französischer Münze dem Kaufmann A. oder auch
dessen Vertreter, sobald er sich bei ihm in Marseille melden würde,
auszuzahlen, da derselbe diese Summe ihm bereits ge-
zahlt habe. In gleicher Form wies auch der Socius eines Hauses
in Florenz, der in Marseille Einkäufe an Waren gemacht hatte, das-
selbe an, einem yon der Messe heimkehrenden Kaufmanne die Summe
von 1000 Dukaten auszuzahlen, weil dieser ihm die gleiche Summe
dort übergeben hatte, die er selbst für dort verkaufte Ware soeben
erhalten hatte und nicht bar mit nach Hause nehmen mochte. Damit
war die Form bereits gewählt, wie sie noch heutigen Tages der
Wechsel besitzt; und auf diese Weise war die Verschickung von Bar-
geld umgangen und dem venetianischen Kaufmann die Möglichkeit
verschafft, ohne venetianisches Geld auszuführen, was verboten war,
doch in Marseille mit dem dort allein zulässigen Gelde Zahlung zu
leisten. Die Voraussetzung dabei war nur, daß in einiger Zeit jener
Socius in Marseille wieder Gelegenheit hatte, einen gleichen Zahlungs-
auftrag für einen von Marseille nach Venedig gehenden Kaufmann
auf Grund einer in Marseille gemachten Einzahlung dem venetiani-
schen Wechsler zukommen zu lassen, um dadurch eine Ausgleichung
der Zahlung herbeiführen zu können. Wo aber ein reger Handels-
verkehr bestand, fehlte es an solchen Gelegenheiten nicht, und außer-
dem stellte sich die Bedeutung der brieflichen Anweisungen als
internationales Zahlungsmittel bald heraus, so daß sie nicht nur in Zeh nesmikeel
dem einzelnen Falle zur Zahlung benutzt wurden, sondern von Hand
zu Hand gingen und auch aus anderen Städten angekauft wurden,
am diesen Auftragsbrief zur Zahlung am Fälligkeitsorte zu verwerten.
Besonders an den Brennpunkten des Handels, den Orten der großen,
Warenmessen, strömten die Kaufleute mit solchen Zahlungsaufträgen
zusammen, und es siedelten sich mehr und mehr Vertreter der Wechsler
an dem Hauptlieferungsorte an, um die Zahlungsaufträge von den
Kaufleuten in Empfang zu nehmen, die dort ihre Ware einkaufen
wollten, und ihnen ihrerseits gegen gemachte Einzahlung solche An-
weisungen für die an Ort und Stelle verkauften Waren in die Heimat

Historische
Entwicklung,