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die Diskonterhöhung als Warnungszeichen aufzustecken. Man machte
der Wiener Nationalbank 1873 einen schweren Vorwurf daraus, daß
sie nicht schon im Beginne des Jahres den Diskont in die Höhe ge-
setzt hatte, um der übermäßigen Spekulation entgegenzutreten. Der
falschen Diskontpolitik der französischen Bank wird die Hauptschuld
an der Entwicklung des Bontout-Schwindels zugeschrieben. 1879
schwankte das Wechselportefeuille derselben zwischen 400 und 800
Mill. Frks., 1880/81 hob es ‚sich auf 1000 bis 1200, am 9. Febr. 1882
sogar auf 1700 Mill. Gleichwohl wurde nur im Okt. 1880 die Rate
von 2*/, auf 3*/, °/% erhöht und blieb so bis Ende Aug. 1881 erhalten.
Ueberhaupt gehen die Banken nur ausnahmsweise selbständig in
dieser Beziehung vor und bilden das leitende Agens, indem sie will-
kürlich den Diskontsatz verändern. In den meisten Fällen werden
sie durch die allgemeinen Konjunkturen geschoben, und der Diskont
ergibt sich aus dem Konkurrenzkampfe auf dem Weltmarkte.

Die Höhe des Diskonts richtet sich im allgemeinen nach dem
A RE DE DE “und Nachfrage nach flüssigen Kapitalien,
Wir sahen Oben, daß die Banken in dem Depositenverkehre die
Gelder aufnehmen, welche aus dem laufenden Geschäftsbetriebe
stammen und eine vorübergehende Anlage suchen, und daß ebenso
die Banken durch das Diskontieren von Wechseln ihren Kunden für
den laufenden Betrieb Vorschüsse machen. Bei dem Kaufmann, bei
dem Fabrikanten und dem Landwirte erstreckt sich der Verkehr mit
der Bank nur auf Anlage laufender Geschäftsgelder und auf Heran-
ziehung derselben bei vorliegendem Bedarf. Es ist die in der Pro-
duktion tätige Kapitalmasse, welche in. die Bank hinein- und wieder
aus ihr hinausfließt, sie ist es deshalb auch, welche bei der Be-
stimmung des Diskonts in Frage kommt. Liegen in der Geschäfts-
welt viele Kapitalien unbenutzt brach, die deshalb der Bank zu-
strömen, ist demgegenüber die Nachfrage nach kurzen Darlehen gering;
3o werden sich bedeutendere Summen bei den Banken aufhäufen,
and der Diskont muß sinken. Wenn dagegen umgekehrt der Bedarf
an Kapitalien zur Erweiterung der Produktion und zur Stützung der
kaufmännischen Spekulation ein großer ist, so wird dieses den Dis-
kont in die Höhe treiben. Ein hoher Diskont wird deshalb häufig
die Folge eines wirtschaftlichen Aufschwungs sein, wie das gerade
1899 und 1900, dann 1906—07 in ausgedehntem Maße der Fall war.
Ende des ‚Jahres 1899 berechnete die deutsche Reichsbank 7%, die
Bank von England über 5°%, 1906 sogar 6°), was die erstere über-
haupt noch nicht, die letztere seit Jahrzehnten nicht erlebt hatte.
Die Ursache war nur, daß die gesamte Produktion einen außer-
gewöhnlichen Aufschwung genommen hatte und ganz besonders in
Deutschland die vorhandenen Mittel nicht ausreichten, den Bedarf
zu befriedigen. Der hohe Diskont ist hier nur ein erfreuliches Zeichen
zewesen. Das ist aber keineswegs immer. der Fall. Abgesehen von
dem letzterwWähnten Jahre war der höchste Diskont bei dem Aus-
bruch der Kriege von 1866 und 1870 dagewesen, dann nach dem
Wiener Krach 1873, bei dem Ausbruch der großen wirtschaftlichen
Krisis. In solchen Zeiten bleiben eine Menge Zahlungen aus, auf
welche die Geschäftswelt gerechnet hatte; es wird schwierig, den
laufenden Anforderungen zu genügen, die Nachfrage nach Darlehen
steigt in außerordentlicher Weise, während wenig Gelder zur Ver-
fügung sind und nur sparsam den Banken zufließen. Je mehr außer-

| Qi

ET der
Diskonthöhe.