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Diskont und
‘‚andeszinsfuß.

Statistik.

dem der Kredit erschüttert ist und damit ein jeder sein Geld zurück-
behält und keiner dem Anderen traut, um so höher muß der Zins
im Bankverkehr steigen und nicht nur bei den großen Zentralbanken,
sondern auch bei dem kleinen Bankier und an der Börse, wie man
sich ausdrückt, auf dem Markte. Hier sind es also ungünstige Ver-
hältnisse, welche eine Erhöhung des, Diskonts herbeiführen.

In der gleichen Weise kann ein niedriger Diskont aus sehr ver-
schiedenen wirtschaftlichen Zuständen hervorgegangen sein. Bei einer
allgemeinen Krschlaffung des Geschäftslebens, wie es Anfang der
neunziger Jahre bestand, wird wenig Geld gebraucht. Es staut sich
in den Banken im Übermaße an, der Zins muß zurückgehen. Der
niedrige Diskont ist hier das Zeichen einer schleichenden wirtschaft-
lichen Krisis gewesen. Er findet sich aber auch bei sehr günstigen
Verhältnissen, wenn er nur der Ausfluß eines außerordentlichen Wohl-
standes ist, so daß trotz sehr animierter Tätigkeit immer noch reich-
lich Gelder flüssig bleiben. Aus diesem Grunde ist der Diskont in
England im großen ganzen niedriger als in Deutschland, hier niedriger
als in Rußland,

Die Höhe des Diskonts kann wesentlich von dem allgemeinen
Landeszinsfuße abweichen, der letztere ist sehr viel stetiger, der
erstere sehr viel größeren Schwankungen unterworfen. Während der
Landeszinsfuß in Deutschland etwa 4%, beträgt, vor 30 Jahren da-
yegen noch 5° war, ist der Diskont im letzten Dezennium zwischen
L!/„, und 6% hin und her gependelt. Auch am Ende des Jahres
1899, wo der Diskont der Reichsbank auf 7 stieg, wurde der Landes-
zinsfuß nur wenig davon berührt und hat sich von dem bisherigen
Satze erst 1906 erheblicher entfernt. Diese Verschiedenheit ist
darauf zurückzuführen, daß es sich bei der Feststellung des Landes-
zinsfußes um ganz andere Kapitalien und um andere Kapitalisten
handelt, als diejenigen sind, die wir für den Diskont als maßgebend
arkannten. Hier kam die Geschäftswelt in Betracht mit ihrem flüssigen
Betriebskapital. Den Landeszinsfuß beeinflussen dagegen die Leute,
welche nicht wie jene eine vorübergehende Anlage suchen, sondern
ihre Gelder dauernd festlegen wollen. Jene verwenden ihre Gelder
selbst, diese wollen sie Anderen zur Verwertung überlassen. Es sind
die Rentiers, die dabei in Frage kommen, die nur den Zins zu be-
ziehen wünschen, indem sie ihre Kapitalien dem Staate und den Ge-
meinden zur Verfügung stellen, Grund- und Hausbesitzern Hypo-
thekendarlehen gewähren usw., und der Bedarf an solchen dauernden
Darlehen ist es, der jenem Angebot gegenübersteht, der den Hypo-
thekenzins und den Kurs sicherer Staatspapiere bedingt usw. Hier
findet nur langsam ein Wechsel statt, die Veränderungen gehen in
einem Dezennium selten über ein Viertelprozent hinaus; ganz anders
bei dem Diskont, bedingt durch die Verhältnisse der flüssigen Kapi-
talien, wo außerordentlich leicht sich durch die allgemeinen wirtschaft-
lichen Konjunkturen ein Mangel, nach kurzer Zeit wieder ein Ueber-
fluß herausstellen kann, und der Diskont daher den größten Schwan-
kungen unterworfen ist. |

Die folgende Tabelle gibt eine Uebersicht über die Entwicklung
des Diskonts in den letzten Jehren an den hauptsächlich in Betracht
kommenden Orten: