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während die umgekehrte Erscheinung, eine ungünstige Handelsbilanz,
zur Verarmung des Landes führen müsse. Auch noch in der Gegen-
wart ist namentlich. in unseren landwirtschaftlichen Kreisen diese
gleiche Auffassung vertreten. Im Jahre 1879 ist von seiten des Reichs-
kanzlers von Bismarck und seiner Vertreter die neu inaugurierte
Schutzzollpolitik mit dem Hinweis auf die ungünstige Handelsbilanz
Deutschlands verteidigt. Hierauf ist vor allem zu betonen, daß wir
die tatsächlichen Bilanzverhältnisse des internationalen Handels ge-
nauer nicht kennen, und unsere Statistik nicht ausreicht, um hierüber
klaren Aufschluß zu geben; vielmehr erscheint nach unseren inter-
nationalen Aufstellungen stets der Wert der Ausfuhr zu klein, und
daher die Unterbilanz größer, als sie in Wirklichkeit ist. Dies ist
dadurch gegeben, daß der Wert sowohl der ein- wie ausgeführten
Waren nach den inländischen Preisen festgesetzt wird. Die Zahlen
entsprechen deshalb zwar bei der Einfuhr annähernd den tatsächlich
dafür zu erlangenden Summen. Anders bei der Ausfuhrstatistik, ein-
mal weil dieselbe in früheren Zeiten allgemein und auch jetzt noch
in vielen Ländern weit unvollständiger ist als die Einfuhrstatistik,
da die Zollbehörden die Registrierung ausüben und nur die verzoll-
baren Gegenstände mit größerer Genauigkeit verfolgen. Abgesehen
davon aber erscheint der Wert der Ausfuhr zu gering, weil die In-
landspreise natürlich weit niedriger sind, als die im Auslande zu er-
wartenden. Der Kaufmann kann nur unter der Voraussetzung exX-
portieren, daß er vom Auslande einen so viel höheren Preis erhält,
daß dadurch die Transportkosten, die Risikoprämie und ein erheb-
licher kaufmännischer Gewinn gedeckt werden.‘ Wird daher, wie
noch jetzt in den hauptsächlichsten Ländern, der Wert der Ausfuhr
einfach nach den Inlandpreisen berechnet, so wird er gegenüber den
tatsächlichen Verhältnissen ohne weiteres um 12—15°,, ja vielleicht,
wenn das exportierende Land den Transport selbst besorgt, noch um
mehr zu niedrig angeseizt. Nach der Statistik scheint hier eine
Unterbilanz vorhanden zu sein, welche tatsächlich nicht vorliegt.
Es verschwand die deutsche Unterbilanz, die noch im Jahre 1879
im Betrage von ca. einer Milliarde herausgerechnet war, schon als
in den folgenden Jahren der Wert durch ein zweckmäßigeres Ver-
fahren genauer festgestellt wurde, und sie wäre schon vorher nicht
gefunden, wenn man, wie es der damalige Direktor des preußischen
statistischen Bureaus Engel allerdings willkürlich vorschlug, einen
Aufschlag für Transportkosten und Geschäftsgewinn bei den ausge-
führten Waren hinzugerechnet hätte. Die durch die Statistik in
vielen Ländern herausgerechnete Unterbilanz ist deshalb nur eine
rechnerische und gibt keinen ausreichenden Anhalt zur Beurteilung
der tatsächlichen Handelsbilanz. Dies tritt am deutlichsten hervor,
wenn man die Einfuhr aus einem Lande in ein anderes nach der
Ausfuhrstatistik des ersten und nach der Einfuhrstatistik des zweiten
Landes betrachtet.

‚ Aber wenn auch faktisch sich eine ungünstige Handelsbilanz für
ein Land ergibt, so ist damit nicht gesagt, daß darunter der Wohl-
stand leiden muß. Dafür gibt schon die Tatsache den Beleg, daß
gerade die reichsten Länder, wie England, Frankreich, Deutschland,
die ungünstigste Bilanz aufzuweisen haben, und trotzdem der Wohl-
stand in klar zutage tretender Weise in den letzten Dezennien
sich enorm gehoben hat.

Offizielle
Statistik.