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der als Kapitalexport die Folge schlechten Inlandsgeschäfts und so
ein ungünstiges Symptom sein. Ebenso kann die passive Handels-
bilanz nicht nur, wie als Regelfall geschildert, eine Folge wirtschaft-
licher Ueberlegenheit, sondern diese Mehreinfuhr auch dadurch be-
dingt sein, daß dem betreffenden Lande die fremden Märkte von
anderen genommen sind und der Konsum die fremden Einfuhrerzeug-
nisse nicht entbehren kann, dann also eine Verschuldung an das
Ausland eintreten muß.
Im besonderen ist auf die Kapitalausfuhr etwas näher einzugehen.
In einer Denkschrift des Reichs-Marine-Amts: die Entwicklung
der deutschen Seeinteressen, 1905, waren im Jahre 1904 die im über-
seeischen Auslande angelegten deutschen Kapitalien auf 8—9*/, Mil-
liarden geschätzt. !)
Davon waren angelegt:
Türkei 300—350 Mill. M.
Afrika inkl. d. deutschen Kolonien 1350 # ®
Dst- u, Südostasien 700 »
Australien u. Polynesien 300—400  »
Südamerika 1800—2100 .
Westindien usw. 1080—1200
Verein. Staaten u. Kanada 2500—3000

“
Hierzu kommen die Anlagen in europäischen Ländern (außer der
Türkei), die Sartorius von Waltershausen (a, a. 0. S. 103) auf 1*/, Mil-
liarden angibt. Die neuesten Schätzungen des deutschen Volksver-
nögens rechnen mit 20 Milliarden Mark (Helfferich, Deutschlands
Volkswohlstand 1888 bis 1913. 3. Aufl. 1914, S. 111 ff.) und 25 Mil-
liarden Mark (St einmann-Bucher, Das reiche Deutschland 1914,
S, 55) deutscher Kapitalanlagen im Auslande, dabei mit Recht die
Unsicherheit dieser Angaben betonend.,

Für Frankreich gibt Sartorius von Waltershausen (5. 48 u. 56)
eine Anzahl Schätzungen über die Kapitalsanlage im Auslande an,
die in Frankreich selbst gemacht sind. Danach hätten sie 1902
(Leroy-Beaulien im Economiste francais 1902 II S. 449) 34 Milliarden
Fres. betragen, nach anderer Berechnung 30 Milliarden, im Jahre 1906
aber 40 Milliarden. Davon wären 1904 10 Milliarden in Rußland,
3 in Spanien, 1 in der Schweiz angelegt, bedeutende Summen in
Nordafrika usw. Die Verteilung der Anlagen wurde für 1902 wie
folgt angenommen:
n kaufmännischen Unternehmungen
„ Landbesitz

, Banken und Versicherung

„ Eisenbahnen

, Bergwerken und Industrien

„ Seefahrt, Hafenanlagen

„ Staats- und Gemeindeanleihen

„ Verschiedenen

995,25 Mill.
2183,25
551,00 »
4544.00 %
3631,00 >
461,00 >
1655350 »
936,00
29 855.00 Mill.
Eine exzeptionelle Stellung nehmen die Vereinigten Staaten
von Amerika ein, welche trotz gewaltigen Reichtums, nachdem der
zrößte Teil der früher von Europa geborgten Gelder zurückgezahlt
ist, eine sehr günstige Handelsbilanz zeigen, die besonders im Laufe
1) S. auch die deutsche Volkswirtschaft am Schlusse des 19. Jahrhunderts.
Berlin 1900 S. 142.