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Kapitel VII
Das Börsenwesen.

S 65.
Die Börse.
Kautsch, Allgemeines Börsenbuch. Stuttgart 1874.

&. Cohn, Die Börse, in Virchows und Holtzendorffs Sammlung, Jahrgang II.

E, Struck, Die Effektenbörse. Leipzig 1881.

Wiedenfeld, Die Börse in ihren wirtschaftlichen Funktionen und ihrer recht-
lichen Gestaltung vor und unter dem Börsengesetze. 1898,

Art. Börsenwesen von Ehrenberg im Handw. d. Staatsw., 3. Aufl.

Arten der
Börse.

Geschichte.

Die Börse nennt man den Ort eines größeren Marktplatzes, wo
sich zu bestimmten Zeiten die Geschäftsleute gewisser Branchen und
Handelsvermittler regelmäßig vereinigen, um nach einer vereinbarten
Börsenordnung Geschäfte abzuschließen und nach den gezahlten Preisen
die durchschnittlichen Tagespreise aufzustellen. Bald bilden sie private
Vereinigungen, wie in England und Amerika, bald sind sie öffentliche,
vom Staate konzessionierte Institute, die unter Staatsaufsicht stehen,
mit vom Staate genehmigten Statuten, den Börsenordnungen, wie
meistens auf dem europäischen Kontinent. Im Gegensatze zum Markt-
verkehr werden an der Börse die Geschäfte über bestimmte Mengen
einer Gattung abgeschlossen, nicht über vorliegende Waren. An
der Börse können daher nur fungible oder vertretbare Waren ge-
handelt werden.

Je nach dem Gegenstande des Geschäftes unterscheidet man
Effekten- oder Fondsbörsen, an welchen hauptsächlich Papiere,
aber auch Wechsel, Geldsorten usw. gehandelt werden, und Waren-
der Produktenbörsen, wie Getreide-, Eisen-, Mehl-, Zucker-,
Kaffeebörsen. Beide Arten sind übrigens an vielen Orten nicht räum-
lich getrennt, sondern wenigstens in einem Gebäude vereinigt, während
sich allerdings, namentlich in England, auch selbständige Warenbörsen
ausgebildet haben.

Schon im alten Rom hat es regelmäßige börsenähnliche Zusammen-
künfte der Kaufleute gegeben. Ebenso sind Anfänge dafür schon im
12, und 13. Jahrhundert zu finden, namentlich auf den Wechselmessen.
Der Ausdruck wird auf den Platz in Brügge zurückgeführt, wo sich
der Mittelpunkt des Wechsel- und Geldverkehres befand, und der „de
Burse“ hieß, von wo sich dann der Ausdruck weiter verbreitete, Die
Pariser Börse läßt sich etwa bis Anfang des 14. Jahrhunderts zurück-
verfolgen. Die Londoner ist 1556, die Hamburger 1558 gegründet.
An den Wechselverkehr schloß sich der Börsenverkehr in Leihkapitalien
für kaufmännische Zwecke. Erst später hat sich der börsenmäßige
Handel auch bei den Waren ausgebildet, als der Umsatz sich derartig
vergrößert hatte, daß sich Durchschnittsqualitäten herausbildeten, die,
ohne die Ware zur Hand zu haben, nach Proben gehandelt werden
konnten, und in denen berufsmäßige Spekulation getrieben wurde.

Im 16. Jahrhundert war die Börsentechnik noch wenig ausgebildet,
doch kannte man bereits das Termingeschäft. Eine wesentliche För-
derung gewann die Börse in dem damaligen Zentralpunkt des Welt-
verkehrs in Amsterdam, wo die Aktien der großen Kompagnien