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zum Umsatz gelangten und sich eine berufsmäßige Börsenspekulation
darin entwickelte (Ehrenberg in d. Jahrb. für Nat.-Oek. 1892 3. F.
Bd. 3 und „Zeitalter der Fugger“ Bd. 2). Noch im 17. Jahrhundert
entstand dort eine eigene Getreidebörse, bei der schon 1720 der Termin-
handel zur Anwendung gelangte. In England nahm das Börsen-
wesen besonders zu Anfang des 18. Jahrhunderts einen erheblichen
Aufschwung, wo die Zahl der Aktiengesellschaften in bedeutendem
Maße anwuchs und der Börse erhebliches Spekulationsmaterial bot.
Zur selben Zeit gelang es dann bekanntlich John Law, in Paris
einen großartigen Börsenschwindel ins Leben zu rufen, der als Be-
weis gilt, wie wohl vorbereitet dafür der Boden dort in jener Zeit
bereits gewesen ist. 1724 errichtete die Regierung in Paris eine
offizielle Wechsel- und Fondsbörse, welche bereits verschiedene Ein-
richtungen enthielt, die sich bis auf den heutigen Tag erhalten haben.
Der Nutzen derselben während des 18. Jahrhunderts für die Gesamtheit.
wird aber mit Recht in Zweifel gezogen.

In Deutschland lassen sich Wechselbörsen bis in die erste
Hälfte des 16. Jahrhunderts zurückverfolgen, und zwar hauptsächlich
in Augsburg; in der zweiten Hälfte in Hamburg. Anfangs des
17. Jahrhunderts finden wir sie in Lübeck, Königsberg, Bremen,
Frankfurta. M.und L eipzig, wo neben den Wechseln auch Geld-
sorten, Leihkapitalien und hier und da auch Waren zum Umsatz ge-
Jangten. Die erste wirkliche Fondsbörse in Deutschland wurde in
Wien 1771 von der Regierung gegründet und nach dem Pariser
Vorbild unter staatliche Kontrolle gestellt, sonstige Börsen wurden
aber verboten. Noch 1799 wurden hier nur 24 verschiedene Arten
von Staatsobligationen und sonstigen in Betracht kommenden Papieren
gehandelt. In Berlin entwickelte sich die Börse seit dem Anfang
des 16. Jahrhunderts und wurde sowohl von Friedrich Wilhelm I.
wie von Friedrich dem Großen entschieden begünstigt.

Ihre volle Bedeutung hat die Börse aber erst im Laufe des letzten
Jahrhunderts gewonnen; einmal infolge der großen Staatsanleihen,
die in wachsender Ausdehnung kontrahiert wurden und nur durch
die Börse realisiert werden konnten; dann durch die gewaltigen
Bedürfnisse des Eisenbahnbaues, denen die Börse zu Hilfe kommen
mußte, und schließlich durch die massenhafte Gründung von Aktien-
gesellschaften, speziell von großen Aktienbanken, durch welche große
Mengen von Papieren mit sehr schwankendem Kurse geschaffen
wurden, die die Grundlage für die moderne Börsenspekulation geworden
sind. Die Warenbörsen dagegen entwickelten sich mit dem immer
größeren Umsatz fungibler Waren im internationalen Verkehr, bei
dem dann der Terminhandel sich immer allgemeiner einbürgerte und
eine wachsende Konzentration des Handels mit bestimmten Waren
und an einzelnen Plätzen herbeiführte.

Die rechtliche Stellung der Börse ist in den verschiedenen Ländern,
selbst innerhalb Deutschlands eine außerordentlich ungleiche. In
England sind die Börsen meistens Aktiengesellschaften. In
Amerika beruhen die Produktenbörsen von Chikago und New York
auf Staatsgesetzen, die übrigen sind gleichfalls private Vereinigungen,
In Frankreich und Oesterreich bedürfen dieselben der staat-
lichen Genehmigung. In dem letzteren Lande wird die Oberaufsicht
durch einen Börsenkommissar geführt, in Frankreich hauptsächlich
durch die Handelskammern, aber auch der Maire besitzt ein polizei-

Rechtliche
Stellung.