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Die Erleichte-
ung der Kapi
talsaufnahme.

kurrenz sichert ihm im großen ganzen den Preis, welcher den allge-
meinen Verhältnissen entspricht. Es ist natürlich, daß, je größer ein
Markt ist, um so weniger einzelne Persönlichkeiten ein Uebergewicht
zu erlangen vermögen, und daß einer einseitig auftretenden Richtung,
die den Tatsachen nicht genügend Rechnung trägt, sich auf einem
großen Markte sehr bald eine wachsende Zahl von Personen zur
Gegenwirkung vereinigt gegenüberstellen wird; und zwar mit um so
größerer Chance, je richtiger sie die tatsächlichen Verhältnisse be-
urteilt.

Es kommt ferner in Betracht, daß bei den ungeheuren Ansprüchen
an Kapital, welche heutigen Tages von Staat und Gemeinden sowie
den privaten Unternehmungen gemacht werden, die Aufbringung der
betreffenden Summen ohne einen solchen konzentrierten Markt, der
mit dem gesamten zahlungsfähigen Publikum in Beziehung steht,
nicht möglich wäre, wie es heutigen Tages durch die gesamten Emis-
sionen fortdauernd geschieht. Hierbei kommen außer den Staats- und
Kommunalanleihen die für den Eisenbahnbau aufgenommenen Summen
in Betracht, ferner die in der Form von Industrieaktien angelegten
Beträge, schließlich die bedeutenden Summen, welche als Hypotheken-
darlehen der Landwirtschaft zugänglich gemacht werden und die in
der neueren Zeit immer mehr iu der Form von: Inhaberpfandbriefen
der landwirtschaftlichen Kreditinstitute und Bodenkreditaktienbanken
ausgegeben und an der Börse in Umlauf gesetzt werden. Ende 1895
zirkulierten in Deutschland 4435 Mill. M. Pfandbriefe der letzteren
[nstitute, von ersteren über eine Milliarde (Gustav Cohn).

Alle diese Papiere werden an der Börse zum Verkaufe ausgeboten
und können nur dadurch untergebracht werden, daß von dem ganzen
Lande, ja auch aus dem Auslande sich die Kauflustigen an die
Zentralfondsbörse wenden und dort ihre Ankäufe machen, und daß
eventuell das Angebot auch an ausländischen Börsen geschieht, um
auch dort Käufer heranzuziehen.

Aus den folgenden Tabellen ergibt sich zugleich die große Mannig-
faltigkeit der Gelegenheit der Anlage, die mit einem jeden Jahre
noch zunimmt. Der Kurszettel der Londoner Börse umfaßte 1815
nur 30 Papiere, schon 1889 1630. Der Berliner Kurszettel enthielt
1820 nur 11 Effekten, 1880 613, 1889 1137, neben 33 ausländischen
Wechseln, Noten, Papiergeld und Münzsorten. (Statist. Anlagen zu
den Materialien der Börsenenquetekommission. Berlin 1892/93.) Nach
der Anlage zur Begründung des Entwurfes eines Ergänzungssteuer-
gesetzes 1892/93 schätzte der Minister Miquel das preußische private
Kapitalvermögen für das Jahr 1899 auf 73,8 Milliarden. Davon
wären angelegt 6 Milliarden in preußischen Staatsanleihen (1905: 7,2),
620 Millionen in Reichsanleihen (1905: 3,2 Milliarden), 1,2 Milliarden
in Kommunalanleihen, 1'/, Milliarden in ausländischen Wertpapieren,
3350 Millionen in preußischen Aktien, zusammen 12,7 Milliarden M.;
das ergibt mit 17 Milliarden Hypotheken und Pfandbriefen fast 30 Milliar-
den in Form von Leihkapitalien. Hieraus werden die kolossalen Beträge
ersichtlich, die untergebracht werden müssen, und wenn man sich
auf der anderen Seite gegenwärtig hält, daß die Ersparnisse, welche
in jedem Jahre in Deutschland gemacht werden, nach der Schätzung
Schmollers 2—2'/, Milliarden M. betragen, von denen mindestens eine
Milliarde in Wertpapieren eine Anlage sucht, so kann man sich
3inen Begriff davon machen, welche umfassenden Vorkehrungen not-