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wendig sind, um diesem ‚wirtschaftlichen Bedürfnisse entgegenzZu-
kommen. Ohne die Börse wäre der Kapitalist allein darauf ange-
wiesen, sich an einzelne Bankiers zu wenden, die ausschließlich in
der Lage wären, gewünschte Papiere auf Lager zu halten und an
das Publikum abzutreten; und ebenso dieselben wiederum nach Be-
darf zu. verkaufen. Sie würden dadurch die gewaltigste Ueber-
macht gewinnen und das Publikum in der extremsten Art und
Weise auszubeuten vermögen. Ihre Macht ist durch die ausge-
dehnte Konkurrenz an der Börse und durch die dort herrschende
Oeffentlichkeit gebrochen und dadurch ein ungeheurer Fortschritt
erzielt. (Siehe Tabellen S. 242—9243.)

$ 68.
Die Bedeutung der Warenbörse.

Pinner, Der Getreideterminhandel in Deutschland. Berlin 1914.

In der gleichen Weise wie bei den Wertpapieren hat sich in
der neueren Zeit auch bei einzelnen Waren das Bedürfnis nach einer
solchen Konzentration des Handels herausgestellt und zugleich das
Streben, ihn von der Last des tatsächlichen Umsatzes zu emanzi-
pieren, um damit der Spekulation größere Freiheit zu gewähren.
Dieses ist geschehen, indem man von dem unmittelbaren Umsatz der
Ware, welche auf den offenen Markt gebracht wurde und dort in die
Hand des Käufers gelangte, zu dem Handel in dem geschlossenen,
konzentrierten Markt nach Probe unter Verbindung mit dem Zeit-
geschäft schritt. Ein weiterer Fortschritt war es, als man zu dem
Termingeschäft überging und hier von der tatsächlich vorliegenden
Ware mehr und mehr absah und eine Papierware an die Stelle
setzte, um auch bei ihr die möglichste Vertretbarkeit zu erzielen,
wie sie bei den Börsenpapieren vorlag. Man wählte die Qualität
aus, welche am leichtesten zu bestimmen und in den größten Mengen
disponibel war, wo man also imstande war, Handelsgeschäfte ab-
zuschließen ohne genauere Qualitätsbestimmungen, und wo. die Be-
schaffung des gehandelten Materials keine Schwierigkeiten bot; so
für Kaffee in Hamburg, Mittelgut Santos, ebenso für Weizen, mittlere
Ware zu einem niedrigen Gewicht, so daß nun die Spekulation un-
bekümmert um die im Momente vorliegende Ware vor sich gehen
kann. Sehr falsch ist aber die Meinung, als ob infolgedessen die
Preise in Papierware völlig unabhängig von dem tatsächlichen Ver-
hältnis von Angebot und Nachfrage zu bestimmen wären. Der
Terminhandel ist nicht ein für sich selbst dastehender Handel, sondern
ar ist nur eine Fortsetzung des tatsächlichen Umsatzhandels ver-
mittels einer feineren Wage. Sind Aussichten auf eine günstige
Ernte vorhanden, so wird dadurch die Spekulation & la baisse ani-
miert. Zuerst wird lieferbare Ware für einen bestimmten Termin
von denjenigen ausbedungen, welche sie tatsächlich gebrauchen, wie
an dem Frühmarkt in Berlin. Dann bemächtigt sich die reine Speku-
lation der Frage und es wird nun mit größeren Massen Papierware
yehandelt. Die Parteien stehen sich gegenüber und wägen von Tag
zu Tag, yon Woche zu Woche ab, wie sich nach Ablauf eines
Viertel-, eines halben Jahres das Verhältnis von ‚Angebot und Nach-
(rage wohl gestalten wird, wie weit danach die Preise in die Höhe
yehen werden. Geht die eine Partei in ihren Hoffnungen zu weit,

Conrad. Grundriß der polit. Oekonomie. I. Teil. 8. Auf. RR

Paptierwaren.