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er Ungleich bedeutsamer als für den einzelnen Kapitalisten sind die
Vorteile. Vorteile der Aktiengesellschaften für die Gesamtheit.

1. Durch die Zerlegung des Stammkapitals in eine große Zahl von
Aktien, die auf eine verhältnismäßig kleine Summe lauten, wird es
möglich, zerstreute Vermögensteile zu einzelnen größeren Unterneh-
nungen zu konzentrieren und damit die Durchführung des Großbetriebes
zu erleichtern. Das hat gerade für Deutschland eine besondere Be-
deutung, wo große Vermögen weniger in einer Hand vereinigt sind, als
in den konkurrierenden Ländern, wo ferner die vermögenden Leute,
infolge ihrer humanistischen Erziehung, einen nur geringen Erwerbs-
trieb zu besitzen pflegen und wenig Neigung haben, ihr Leben gewerb-
lichen Unternehmungen zu widmen.

Erst durch die Bildung von Aktiengesellschaften ist deshalb die
Entwicklung des Großbetriebes in zeitgemäßer Weise ermöglicht, und
hat Deutschland in der Entwicklung der Industrie nachholen können,
was es in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts versäumt hatte,
and die Konkurrenz vor allem mit Frankreich und England erfolgreich
aufgenommen.

2. Diese Entwicklung des Großbetriebes vollzieht sich nun bei den
Aktiengesellschaften — darauf ist ein besonderes Gewicht zu legen —
ohne eine gleichzeitige Konzentrierung des Ertrags in wenig Händen.
Gerade in einer Zeit, wo man die Zunahme des Reichtums Einzelner
mit besonderer Besorgnis beobachtet und die Erweiterung der Kluft
zwischen Arm und Reich befürchtet, ist es von besonderer Wichtigkeit,
sich zu vergegenwärtigen, daß die Rechtsform der Aktiengesellschaften
der Erhöhung des Einkommens KEinzelner nicht Vorschub leistet,
sondern im Gegenteil entgegenwirkt. Auch der kleine Mann findet
dadurch Gelegenheit, von der Produktivität der Großindustrie ent-
sprechenden Nutzen zu ziehen, der ohne diese Form einzelnen wenigen
reichen Leuten ausschließlich vorbehalten wäre.

3. Die beschränkte Haftung erleichtert es, die Summen zusammen-
zubringen, um größere, gewagtere oder auch solche Unternehmungen
ins Leben zu rufen, welche von vornherein nur eine geringe Verzinsung
in Aussicht stellen, aber von volkswirtschaftlichem Nutzen sind. Vor
allem würden wir mit der Ausbildung des Eisenbahnnetzes noch sehr
dedeutend im Rückstande sein, wenn die Eisenbahnen nicht zum größten
Teile von Aktiengesellschaften gebaut wären. Der Staat war zunächst
gar nicht in der Lage, die zu einem schnellen Ausbau erforderlichen
Kapitalien aufzubringen und das damit verbundene Risiko auf sich zu
nehmen. Die Kapitalisten standen der ersten Entwicklung noch sehr
mißtrauisch gegenüber, zu einer Zeit, wo man die Folgen der außer-
ordentlich starken Absorbierung von Kapitalien für den Bau nicht zu
übersehen vermochte und ebensowenig die zu erwartende Rentabilität.
Nur ganz ausnahmsweise verstanden sich deshalb große Geldmänner
dazu, ihr Vermögen auf eine solche Karte zu setzen, während es leicht
wurde, die gesamte besitzende Klasse, Gemeinden und Korporationen
zu veranlassen, kleinere Summen dafür zur Verfügung zu stellen, so-
bald man einigermaßen die Bedeutung der Schienenwege erkannt hatte.
Auch da, wo auf Rentabilität nicht zu rechnen war, zeichneten Ge-
meinden, Grundbesitzer und sonstige Interessenten erhebliche Summen
auf Grund der beschränkten Haft, ä fonds perdu, nur um die Inangriff-
nahme dieses neuen Beförderungsmittels zur Förderung der wirtschaft-