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Nachteile der
Aktiengesell-
schaften.

1. Da ein Jeder an der Börse Aktien kaufen und sich damit an
solchen wirtschaftlichen Unternehmungen beteiligen kann, so ist es
dem Publikum in außerordentlicher Weise erleichtert, ohne Arbeit
und Sachkenntnis Nutzen aus dieser Anlage zu ziehen. Auf der
anderen Seite bietet erfahrungsgemäß gerade diese Form besondere
Gelegenheit für unternehmende Köpfe, das Publikum auszubeuten und
in schwindelhafte Unternehmungen nur zu dem Zwecke hineinzuziehen,
ihnen das Geld aus der Tasche zu locken. Das Publikum erweist
sich als außerordentlich leichtgläubig und läßt sich durch reklame-
hafte Anpreisungen über zu erwartende hohe Dividende zum Ankauf
von Aktien bewegen, deren Sicherheit es gar nicht zu übersehen ver-
mag. Zu allen Zeiten, wo viel Geld flüssig und eine lohnende An-
lage schwierig ist, wird es erfahrungsgemäß leicht, Kapitalisten da-
zu zu bewegen, ihr Geld zu schwindelhaften Gründungen herzugeben,
und zu allen Zeiten, wo die Wogen der Spekulation hoch gingen,
haben weite Kreise große Verluste erlitten durch vertrauensselige
Unterstützung neu aufgetauchter schwindelhafter Aktiengesellschaften ;
wofür in den verschiedensten Ländern in der Schwindelperiode An-
fang der siebziger Jahre Belege geboten sind Kin vortreffliches Bei-
spiel hierfür bot die Gründung der Dachauer Bank im Jahre 1871.
Eine bis dahin ganz unbekannte Schauspielerin erließ eine Annonce,
daß sie ein Darlehn erbitte; sie sei bereit 25%, dafür zu zahlen.
Daraufhin wurden ihr von den verschiedensten Seiten, von Bauern,
Handwerkern, Hausknechten wie Beamten aller Art und Kapitalisten
bis in die höchste Aristrokratie hinein so bedeutende Summen ange-
boten, daß sie damit eine Art Baubank gründete. Da sie die Zinsen
zunächst pünktlich zahlte, natürlich fast nur von den neu hinzutretenden
Kapitalien, strömten ihr immer neue Gelder in größter Ausdehnung
zu, bis die Polizei sich ins Mittel legte und die Bank schloß, die nur
ganz unbedeutende Geschäfte machte und nie imstande gewesen wäre,
auch nur annähernd solche Zinsen herauszuwirtschaften. Die Dar-
leiher haben dabei den größten Teil ihrer Einlagen verloren.

In den Aktien werden der Börse sehr bedeutende Summen in
Papieren mit schwankendem Kurse zugeführt, die zur Verallgemeinerung
der Börsenspekulation in außerordentlichem Maße beigetragen haben.
Wenn in Deutschland in dem einen Jahre 1872 allein 479 Aktienge-
zellschaften mit fast anderthalb Milliarden Mark neugegründet wurden,
und diese Summen dem Börsenspiel überantwortet sind, so kann man
sich nicht verhehlen, daß dadurch der Spekulation in bedenklicher
Weise neue Nahrung gegeben ist. Und wenn sich ferner ergibt, daß
schon nach einem Jahre von diesen Gründungen ein großer Teil wieder
zugrunde gegangen war, und der größte Teil des angeführten Kapitals
verloren gegangen ist, so kann man über die Gefahren nicht zweifel-
haft sein, die mit dem Aktienwesen verbunden sind.

2. Die Aktiengesellschaften erleichtern, wie ausgeführt, die Durch-
führung des Großbetriebes und haben darin ihren wesentlichen Vorteil.
Die Hamburg-Amerikalinie hat 1906 das Aktien-Kapital auf 120
Mill. M., der Norddeutsche Lloyd auf 125 Mill, die Phönix-Hörder-
Gesellschaft auf 72 Mill, die Bismarckhütte auf 10 Mill. erhöht. Dies
schließt aber zugleich die Möglichkeit ein, vor allem durch Vereini-
gung einer Anzahl Aktiengesellschaften den Markt in ausgedehntem
Maße zu beherrschen und die Gesamtheit zugunsten weniger auszu-
beuten, wie wir das bei Betrachtung der Kartelle sogleich noch näher