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Der Beeriff.

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Bonniatian, Studien zur Theorie und Geschichte der Wirtschaftskrisen. 2 Bde.
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Ges.

Störungen im wirtschaftlichen Leben, Rückschläge gegen den
normalen Gang oder einen besonderen Aufschwung hat es naturgemäß
zu allen Zeiten gegeben. Sie waren auf tieferer Entwicklungsstufe
infolge unbedingter Abhängigkeit von der Natur sogar weit größer
als in der neueren Zeit. Man denke an die Hungersnöte im Mittel-
alter infolge von Mißernten, an die verheerenden Kriege, besonders
Bürgerkriege, welche die Verwüstung und Verarmung ganzer Land-
striche nach sich zogen, wodurch die Kaufkraft und damit der Ab-
satz an Waren aller Art für lange Zeit lahmgelegt war. Mit Recht
macht Schmoller auf das häufig rapide Wachstum der Städte und
das ebenso schnelle Sinken ihrer Bevölkerung aufmerksam, als
Zeichen des tiefgreifenden Wechsels der Konjunkturen in früheren
Jahrhunderten. Solange die Landwirtschaft die Grundlage des
Reichtums des Landes bildet und der größte Teil der Bevölkerung
von Landwirtschaft lebt, muß die KErnte die wirtschaftlichen
Konjunkturen beherrschen, und das ist bis in die neueste Zeit
außer in KEngland allgemein der Fall gewesen. Nur ganz
ausnahmsweise treten in früheren Jahrhunderten andere als die
beiden erwähnten Ursachen tiefgreifender wirtschaftlicher Stockungen
auf. Die Produktion in ein richtiges Verhältnis zum Bedarf zu setzen
und darin zu erhalten, ist aber in der neueren Zeit weit schwieriger
als früher. Der letztere verändert sich nicht nur durch die Be-
völkerungszunahme, sondern noch mehr durch die Schwankungen der
Kaufkraft der Gesamtheit oder einzelner Klassen der Bevölkerung,
dann durch Aenderungen der Lebensgewohnheiten, der Mode. Die
Arbeit für das Ausland häuft die Eventualitäten in den Absatzver-
hältnissen unendlich. Die Produktionsverhältnisse werden dagegen
durch Erfindungen von Maschinen, neuen Arbeitsmethoden, Ver-
billigung des Transports, Entdeckung neuer Bezugsquellen für das
Rohmaterial in der Neuzeit fortdauernd verändert. Dazu tritt ver-
schärfend die Spekulation, welche nicht nur die Gegenwart, sondern
auch die Zukunft ins Auge faßt und sowohl das Inland wie das
Ausland berücksichtigen muß, Diese neuen Umstände bedingen die
modernen Krisen. Man hat daher keine Veranlassung, dabei von
den wirtschaftlichen Störungen in der alten Zeit zu sprechen. Das
Wort ist nach allem neu, wenn auch das Studium der Geschichte
gezeigt hat, daß sie nicht rein modernen Charakter haben.

Unter einer Krisis oder einem kritischen Zustand versteht man
in der Medizin bei einem Patienten ein solches Stadium einer akuten
Krankheit, in dem die Gefahr ihren Höhepunkt erreicht hat und es
sich entscheidet, ob. sie einen verderblichen Verlauf nimmt oder sich
der Besserung zuwendet. Ganz so ist der Ausdruck nicht in unsere
Wissenschaft herübergenommen. Man versteht darunter allgemein
allerdings auch nur eine vorübergehende Stockung oder Krank-
heit gegenüber einer chronischen Depression. Man setzt aber voraus,