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daß es sich um einen Rückschlag nach besonders günstigem Auf-
schwung handelt, der auf falschen Voraussetzungen basierte oder
durch falsche Maßregeln herbeigeführt war. Niemand hat die wirt-
schaftliche Kalamität Frankreichs nach dem Kriege 1870/71 eine
Krisis genannt, wohl aber die Stockung des Verkehrs zur Zeit der
Assignatenwirtschaft und des Zusammenbruchs des Bontout-Schwindels;
nicht die Depression unserer Landwirtschaft in den achtziger und
neunziger Jahren, wohl aber die Gefährdung des Grundbesitzes in
den zwanziger und der zweiten Hälfte der siebziger Jahre des
vorigen Jahrhunderts, da in beiden Fällen eine Ueberspekulation in
Ausdehnung der Kulturfläche, wie in der Steigerung des Grundwertes
und der Pacht vorhergegangen war, auf welche ein Rückschlag un-
vermeidlich folgen mußte. Das Weitere wird aus der Betrachtung
der Krisen selbst hervorgehen.

Wirtschaftliche Krisen sind hiernach vorübergehende, allge-
meinere Stockungen im volkswirtschaftlichen Leben, die als ein Rück-
schlag gegenüber besonders reger und gewinnbringender Tätigkeit
auftreten. Je nach den Ursachen und der Ausdehnung und je nach
den ergriffenen Gebieten des Wirtschaftslebens unterscheidet man
1. Börsenkrisen und sonstige Spekulationskrisen, 2. allgemeine Kredit-
krisen, 3. Handelskrisen, 4. industrielle Absatzkrisen und 5. Agrar-
krisen,. ;

Das Wesen derselben wird am besten erkannt durch Verfolg
ihrer Geschichte und somit der verschiedenen Erscheinungen, die sich
dabei beobachten lassen.

Ein eigentümliches Beispiel einer Börsenkrisis ergab sich schon
1637 in Holland, durch welche der Beweis geliefert ist, daß ein jedes
Objekt für Spekulationszwecke verwertet werden kann, und der
Mensch außerordentlich erfinderisch ist, die verschiedenartigste Ge-
legenheit zur Spekulation zu finden, und auf der anderen Seite, daß
schon vor 2'/, Jahrhunderten ähnliche Zeiten schlimmster Speku-
lationswut vorhanden gewesen sind wie Anfang der siebziger Jahre
des letzten Jahrhunderts, und daß die Folgen damals ganz ähnliche
waren wie in der neueren Zeit, In den Niederlanden wurde. schon
im Beginne des 17. Jahrhunderts die Tulpe mit besonderer Lieb-
haberei und in großer Ausdehnung kultiviert und ein reger Handel
damit getrieben, der bald börsenmäßigen Charakter annahm. Im
Jahre 1634 gewann. derselbe eine ganz außergewöhnliche Ausdehnung,
und zwar bereits in Formen, die sich allgemeiner erst in dem modernen
Termingeschäfte entwickelt haben. Man überbot sich gegenseitig in
den Preisen, kaufte auf Lieferung, trieb künstlich die Preise in die
Höhe, zahlte dann die Differenz, ohne das Objekt selbst heran-
zuziehen, und lebte ein paar Jahre in der Hoffnung, diese künstliche
Preissteigerung, an der sich eine große Zahl von Menschen be-
reicherte, fortsetzen zu können, so daß man schließlich für eine
Spezies 2000 Gulden und mehr zahlte, während die sonstigen Wert-
objekte, Häuser, ländliche Grundstücke zu Schleuderpreisen fort-
gegeben wurden, um die erlangten Summen für Spielzwecke ver-
werten zu können, Im Jahre 1637 trat plötzlich eine Ernüchterung
ein, Niemand wollte mehr die bisherigen Summen: zahlen, Jeder suchte
die Ware, die er in der Hand hatte, los zu werden, und die Preise
gingen auf das normale Niveau herab. Damit waren aber weit-
gehende Verluste für alle diejenigen verbunden. die zuletzt die Tulpen

Tulnenmanie.