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Agrarkrise der
zwanziger
Jahre.

eingetretenen Preissteigerung weit über das richtige Maß hinaus-
gegangen war, die Preise daher im Uebermaße herabgingen, was
Massenbankerotte zur Folge hatte. In ganz ähnlicher Weise trat
10 Jahre später eine neue Krisis ein, die wiederum von England
durch Ueberproduktion und namentlich massenhafte Gründungen ver-
anlaßt war und sich als eine Absatzkrise herausstellte, deren Wir-
kung aber weit über England hinausging und die namentlich auch
in Nordamerika große Verheerungen anrichtete. Infolge des erheb-
lichen Rückganges der Preise gingen viele der neuen Gründungen
ein, wodurch auch die Banken in Mitleidenschaft gezogen wurden.
Innerhalb 6 Wochen mußten 70 englische Provinzialbanken ihre
Zahlungen einstellen, was zu einer allgemeinen Erschütterung des
Kredites führte.

Zu gleicher Zeit war in Deutschland eine durchaus anders
geartete Krise hereingebrochen, eine Agrarkrisis; von 1818—23
waren mit einer einzigen Ausnahme überreiche Ernten in Europa ge-
wesen, durch welche ein gewaltiger Ueberschuß an Getreide ge-
wonnen wurde, insbesondere weil nach Beendigung der Freiheits-
kriege, angeregt durch sehr hohe Preise, eine außerordentliche Kr-
weiterung der Ackerfläche stattgefunden hatte, Die Getreidepreise
gingen deshalb unter die Hälfte des Durchschnitts der vorher-
gegangenen 30 Jahre herunter. Die Folge davon war, daß eine über-
große Zahl von Grundstücken zur Subhastation kam, am meisten im
nordöstlichen Preußen. In Ostpreußen mußte die Landschaft ein
Viertel der von ihr beliehenen Güter in Sequestration nehmen und
ein Sechstel derselben zur Subhastation bringen. Im Littauischen
Departement kamen 1822 von 1600 Bauerngütern 1000 zur öffent-
lichen Versteigerung, aber auch im Königreich Sachsen sah sich
die Regierung genötigt, durch ausgedehnten Pachterlaß an die
Domänenpächter und direkte Vorschüsse die Not der Landwirte zu
lindern.

Hatten in dem letzten Beispiele reiche Ernten unmittelbar eine
Krisis herbeigeführt, so in den Jahren von 1836—39 indirekt. Große
Erträge bei leidlichen Preisen hatten Anfang der dreißiger Jahre die
Kaufkraft der ländlichen Bevölkerung und dadurch den allgemeinen
Absatz wesentlich gehoben. Die dadurch herbeigeführte Preissteigerung
veranlaßte wiederum eine ausgedehnte Ueberproduktion, die von einer
Ueberspekulation begleitet war. Namentlich wurden viele Kreditinstitute
gegründet, die in England und Amerika von der Freiheit, Noten zu
emittieren, übermäßigen Gebrauch machten. 1830 gab es in Nord-
amerika 329 Banken mit 61 Millionen Dollars Notenumlauf, der nur
etwa zu einem Drittel bar gedeckt war, 1835 zählte man 704 Banken
mit 104 Millionen Dollars Notenumlauf. 1837 sollen nun nicht weniger
als 600 Banken falliert haben, deren Noten natürlich gänzlich ent-
wertet waren, so daß sich eine allgemeine Zahlungstockung daraus
ergab. Diese Krisis übertrug sich auch auf England, wo die Un-
sicherheit der Banken infolge der freien Notenemission klar zutage trat.
Von 1837—39 sind in den Vereinigten Staaten 33000 Bankerotte
verzeichnet, darunter von 1577 Banken. Die Verluste der heimischen
Kapitalisten wurden auf 440 Mill. D. veranschlagt,

Im Jahre 1847 kam eine neue Krisis zum Ausbruch infolge aus-
gedehnter Mißernten, sowohl an Getreide, wie auch besonders an
Kartoffeln nach Ausbruch der Kartoffelkrankheit, welche die Zahlungs-