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fähigkeit der Bevölkerung gewaltig schwächte. In den Vorjahren
hatte sich außerdem eine ausgedehnte Eisenbahnspekulation entwickelt,
welche eine übermäßige Festlegung von Kapitalien mit sich brachte
und eine Geldknappheit veranlaßte. Die Krisis ging von England
aus und verbreitete sich von dort nach Frankreich, den Niederlanden,
aber auch nach Amerika und Deutschland, wo besonders Frankfurt a. M.
heimgesucht wurde. In den folgenden 10 Jahren entwickelte sich
ein gewaltiger Aufschwung des Wirtschaftslebens, indem in dieser
Zeit die Wirkung des erweiterten Eisenbahnnetzes und der Dampf-
schiffahrt zur Geltung kam, und die Entdeckung der Goldlager in
Kalifornien große Mengen der Edelmetalle in Umlauf brachte. In
Frankreich regte der neugegründete Credit mobilier zu vielen großen
Unternehmungen an, und auch in Deutschland herrschte ein sehr
reges industrielles Leben, bis sich auch da ein Rückgang in den über-
mäßig in die Höhe getriebenen Kursen der Bank- und KEisenbahn-
aktien unerläßlich zeigte, und infolge einer Ueberproduktion die Preise
der Waren in bedeutendem Maße sanken. Zuerst mußte in Amerika
eine größere Zahl von Häusern die Zahlungen einstellen, darauf in
England, und. auch auf den europäischen Kontinent dehnte sich die
Krisis ans.

So war in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts fast regel-
mäßig alle 10 Jahre eine Krisis eingetreten, und auch im Jahre 1866
fehlte eine solche nicht, als durch den Zusammenbruch einer der be-
deutendsten Citybanken in London, Overend Gurney & Comp., eine all-
gemeine Panik und Kreditunsicherheit entstand. Diese regelmäßige
Wiederkehr gab zu der Konjektur Veranlassung, die namentlich der
englische Nationalökonom Je yvons vertrat, daß. die Krisen.hauptsächlich
auf Mißernten beruhten, die allerdings bei vielen eine erhebliche Rolle
spielten, und die Mißernten wiederum auf die Sonnenflecken zurück-
zuführen seien, die sich mit ziemlicher Regelmäßigkeit alle 10 Jahre
in bedeutenderem Maße zu zeigen pflegen. Indessen schon das An:
geführte ergibt, daß nicht immer genau das Dezennium eingehalten
wurde, und die hauptsächlichsten Ursachen mehrfach anderer Art
waren als Ernteausfälle. Seit 1866 haben sich dann die Krisen ganz
anders gestaltet, so daß jene Annahme seitdem als endgültig be-
seitigt angesehen werden kann.

Die nächste Krisis ließ nämlich nicht 10 Jahre auf sich warten,
sondern brach bereits im Mai 1873 aus und nahm Dimensionen an,
wie sie das Jahrhundert noch nicht aufzuweisen gehabt hatte. Der
Hauptnährboden, auf dem sie sich entwickelte, war unzweifelhaft
Deutschland, wo nach der glorreichen Beendigung des Krieges
und der Konstituierung des Deutschen Reiches eine Unternehmungs-
lust Platz gegriffen hatte, wie sie bis dahin noch nicht annähernd
dagewesen war. Seit 1866 hatte das Land unter einer großen De-
pression gelitten, weil man allgemein einen neuen Krieg erwartete;
sehr bedeutende Summen waren deshalb, da sie im Inlande keine Ver-
wertung fanden, in das Ausland gewandert; nun glaubte man auf
einen langen Frieden rechnen zu können; überall stellte sich Mangel
an Waren aller Art heraus. Die Preise stiegen und stellten reiche
Gewinne in Aussicht. Die Löhne wurden in außerordentlicher Höhe
bewilligt, so daß die Kaufkraft auch der unteren Klassen gewaltig
stieg. Die Gelder wurden vom Ausland zurückgezogen, und infolge
der Milliardenzahlungen Frankreichs tilgten die deutschen Regierungen

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