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von der Krisis verschont geblieben, weil man dort noch jahrelang
beschäftigt gewesen war, die durch den Krieg verursachten Schäden
auszugleichen, und man daher noch wenig zur Spekulation geneigt
war. Es holte dieses einigermaßen nach durch die Krisis von 1882,
die mehr lokalisiert blieb, wie sie auch lokale Ursachen hatte. Wie
30 Jahre vorher die Gebrüder Pereire, so hatte 1879 Eugene
Bontout durch die Gründung eines „Credit mobilier“, der „Union
generale“, einen extremen Gründungsschwindel veranlaßt, indem ihm
zur Bekämpfung der Rothschildgruppe und des Judentums überhaupt
von den katholischen Parteien Frankreichs und auch des Auslandes
sehr bedeutende Summen zur Verfügung gestellt wurden, die er eine
Zeitlang mit hohen Dividenden honorierte, bis auch ihn 1882 das
Schicksal ereilte, und die Union generale zur Einstellung der Zah-
lungen genötigt ward. Enorme Summen gingen dabei verloren.

Wieder folgten mehrere Jahre großer Geschäftsstille, die Ende
der achtziger Jahre einer unbedeutenden Bewegung Platz machte,
worauf das Geschäftsleben Anfang der neunziger Jahre wieder der
früheren Lethargie verfiel. Nur fälschlich hat man in dieser Zeit
von einer industriellen Krisis gesprochen. Tatsächlich handelte es
sich um eine längere Depression, also nicht um einen jähen Rück-
schlag der Verhältnisse, sondern nur um einen schleichenden Gang
des ganzen Geschäftslebens.

Es wäre hier noch die neuere Agrarkrisis zu erwähnen, die aber
einen akuten Charakter nur in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre
hatte, dann aber den Charakter einer nachhaltigen Depression infolge
eines erheblichen Rückganges der Preise landwirtschaftlicher Produkte
angenommen hat. Die Ursachen sind an anderer Stelle bereits dar-
gelegt, und wir fanden sie in der wachsenden Konkurrenz entlegener
Länder, die durch die Verbesserung der Kommunikationsmittel dem
Weltverkehre neu erschlossen sind, während die Landwirte die Preise
Anfang der siebziger Jahre statt als vorübergehende Ausnahme als
dauernde annahmen und daraufhin Pacht- und Grundwert im Ueber-
maß steigerten.

Im Jahre 1893 brach eine große Krisis in der amerikanischen
Union aus, welche namentlich die Eisenbahnwerte enorm mitnahm.
Fast ein Siebentel aller Eisenbahnen machten bankrott, und gegen
650 Banken stellten ihre Zahlungen ein. Es unterliegt keinem Zweifel,
daß dort die Krisen noch lange nicht ausgetobt haben. Der rück-
sichtslose Spekulationsgeist, der Verluste leicht nimmt und sehr ge-
neigt ist, alles auf das Spiel zu setzen, wo große Gewinne in Aus-
sicht sind, muß große Schwankungen in das Geschäftsleben bringen.

Seit dem Jahre 1898 hatten nun Handel und Industrie in der
ganzen zivilisierten Welt einen außerordentlichen Aufschwung ge-
nommen, der gleichfalls über das richtige Maß hinausging. Besonders
in Deutschland bewirkte er, daß eine ganz außerordentliche Geldknapp-
heit entstand, die 1899 in der Erhöhung des Diskonts der Reichs-
bank auf 7°, zum scharfen Ausdruck kam. Auch die Bank von
England erreichte 6%, was seit den Kriegsjahren nicht dagewesen
war. Der Rückschlag trat bereits Ende 1900 fast auf allen Gebieten
des deutschen Erwerbslebens ein, und man ‚fürchtete eine starke
Krisis. Indessen haben nur wenige Geschäftsbranchen erheblich ge-
litten. Der Tiefstand trat Ende 1901 ein, und auch das Jahr 1902
brachte Enttäuschungen. Man berechnete 1901 den Dividendenausfall

1882,

1893.