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Sommer, zum Teil bis in den Herbst die Flauheit angehalten, so
gewannen dann das Baugewerbe und die KEisenindustrie einen er-
freulichen Aufschwung, denen allmählich die anderen Gewerbszweige
folgten. Das wäre im Jahre 1910 auch so weiter gegangen, wenn
nicht große Streiks, namentlich im Baugewerbe, das wirtschaftliche
Leben stark gehemmt hätten, denn große Unternehmungslust be-
kundete sich in ausgedehnten Emissionen und Gründungen. Das
Jahr 1911 zeigte eine ziemlich allgemeine günstige Beschäftigung,
hauptsächlich seit Mai und Juni, und diese fand im Jahre 1912 auch
eine weitere Besserung infolge reicher Ernte in Amerika und in
Deutschland, so daß die Produktion international eine große An-
regung fand. Die rege Geschäftstätigkeit hielt bei günstigen Preisen
auch 1913 den größten Teil des Jahres an, bis gegen Ende desselben
eine Abflanung erfolgte, hervorgerufen durch die politische Unsicher-
heit, eine weniger günstige Ernte in Amerika verbunden mit einem 1 Ya To
Sinken der Preisel wodurch der Export vermindert wurde. Kor t Tl. Tate

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Krisencharakter
sich in den letzten Dezennien in Europa wesentlich geändert hat,
Die Schwankungen im Wirtschaftsbetriebe haben sich vermindert,
treten aber dafür in kürzeren Zwischenräumen auf. Die Hochflut
der Produktion wie der Spekulation nimmt nicht mehr so über-
mäßige Dimensionen an, wie ebenso die Geschäftsstockung, die Ar-
beitslosigkeit, der Rückgang der Preise nicht so bedeutende wie
früher sind. In Amerika ist darin dagegen eine Milderung noch
nicht zu bemerken. Ebbe wie Flut währen aber dabei nicht so
lange, in der Regel nur wenige Jahre, worauf sich schon eine Gegen-
strömung geltend macht. Die Geschäftswelt weiß jetzt, daß diese
Schwankungen mit Sicherheit zu erwarten sind und richtet sich
darauf rechtzeitig ein. Die modernen Hilfsmittel des Verkehrs er-
leichtern die richtige Beurteilung der internationalen Konjunkturen
und damit die Anpassung der Produktion.

8 76.
Volkswirtschaftliche Bedeutung der Krisen.
L. Pohle, Bevölkerungsbewegung, Kapitalbildung und periodische Wirtschafts-
krisen. Göttingen 1902,

Tugan-Baranowsky, Die sozialen Wirkungen der Handelskrisen in England.
Im Archiv f. Sozialpolitik. Ba. 13.
Der von uns gegebene historische Ueberblick über die Krisen
der letzten beiden Jahrhunderte hat eine große Verschiedenartigkeit
der Ursachen wie des Verlaufes derselben gezeigt, und man wird
danach die im Eingange aufgestellten verschiedenen Kategorien zu
unterscheiden vermögen. In erster Linie sahen wir Krisen ent-
stehen durch gewaltige Spekulationen an der Börse, enorme Kurs-
steigerung, der die reale Unterlage fehlte, und wobei nicht Alles
sich in reeller Weise vollzog; ein Rückschlag muß dann eintreten,
da eine Seifenblase sich dauernd nicht erhalten kann. Die Folge
davon ist überall während des Aufschwungs übermäßiger Luxus bei
den plötzlich reich gewordenen Personen, wodurch verschiedene In-
dustriezweige begünstigt, eventuell neu großgezogen werden, während
sie nach einiger Zeit bei Rückgang der Kaufkraft jener Kreise in

Verschiedene
Arten
der Krisen.