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"Ursachen.

sich zusammenfallen und einem erheblichen Teile der Bevölkerung
sehr bedeutende Verluste bringen. In der Hauptsache spielt sich
der Vorgang an der Börse ab, und von ihr übertragen sich: die
Folgen auf weitere Kreise, so daß daraus sich eine allgemeinere
Kreditkrisis entwickeln kann, wenn die Kapitalsverluste sehr be-
deutende Dimensionen angenommen haben. Solche Krediterschütte-
rungen können aber auch auf andere Weise herbeigeführt werden,
wie durch Münzverschlechterung, übermäßige Papiergeldausgabe, zu
ausgedehnte Notenemissionen durch Privatbanken usw. (Schuh-
macher, Die Ursachen der Geldkrisis, Dresden 1908, unterscheidet:
Kapital-, Geld-, Kreditkrisen.) Diesen erwähnten Krisen stehen, wie
ausgeführt, 2. die Handelskrisen gegenüber, die in Stockungen
des Warenverkehrs bestehen und daher auch Absatzkrisen ge-
nannt werden, weil ein Teil der produzierten Ware keine Abnehmer
zu finden vermag. Diese können von den Konsumenten ausgehen,
deren Kaufkraft durch Kriege, durch Mißernten oder sonstige wirt-
schaftliche Verluste in besonderer Weise gelitten hat, oder auch von
den Produzenten infolge einer zu ausgedehnten Produktion, welche
lien Bedarf überschritt. Hierbei ist hervorzuheben, daß der in-
Jändische Bedarf hauptsächlich an Produktionsmitteln schwankt, wie
Kohlen, Eisen und Baumaterialien, die in Zeiten wirtschaftlichen Auf-
schwungs in großer Ausdehnung gebraucht werden, während der Be-
darf sich in kurzer Zeit einschränken läßt, wenn irgend eine Störung
der nur der Verdacht einer solchen eintritt, während der Verbrauch
der gewöhnlichen Unterhaltsmittel, wie Nahrung, Kleidung, noch gleich-
mäßig fortgeht. Bei dem Außenhandel kommen diese Rohmaterialien
weniger in Frage, dagegen Maschinen, Getreide, dann Produkte der
Textilindustrie, Eisenwaren aller Art, also Gebrauchsgegenstände, bei
denen hier weit größere Schwankungen im Bezuge eintreten, als bei.
.nländischen Fabrikaten.

Diese Arten von Krisen sind in den letzten 50 Jahren mehrfach
verschärft durch einen ausgedehnten Gründungsschwindel, der nur
an der Gründung von Aktiengesellschaften gewinnen wollte, damit
eine Ueberproduktion förderte und zugleich massenhaft unsichere
Papiere auf den Markt warf, wodurch wiederum die Ueberspekulation
ın der Börse gefördert und so von verschiedenen Seiten auf eiue
Krisis hingearbeitet wurde. Die Folge war dann sowohl eine Ab-
satz- wie eine Börsenkrisis.

Die Ursachen dieser Erscheinungen sind damit in der Haupt-
z3ache bereits angegeben. Allgemein eigentümlich ist denselben ein
olötzlicher Rückgang der Preise und Kurse, nachdem vorher eine
ıußergewöhnliche Erhöhung derselben stattgefunden hatte. Die Ur-
zachen wiederum dieser Preis- und Kursschwankungen sind, wie sich
ergab, sehr verschiedenartig. In der ersten Hälfte des letzten Jahr-
hunderts stehen sie unzweifelhaft in engem Zusammenhange mit den
Ernteverhältnissen. Die Landwirtschaft überwog mit ihrem Kinfluß
auf das ganze wirtschaftliche Leben, wenigstens auf dem europäischen
Kontinent, gegenüber Handel und Industrie. Hatte der Bauer Geld,
so hatte es die ganze Welt. Reichliche Ernten erhöhten die Kauf-
kraft der Bevölkerung, animierten Handel und Industrie, nachdem
durch die erweiterte Nachfrage die Warenpreise gestiegen waren. Dies
führte zu einer Ueberproduktion, worauf ein Rückschlag unvermeid-
lich wurde. Umgekehrt verminderten Mißernten die Kaufkraft,