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brachten deshalb den Absatz ins Stocken und Handel und Gewerbe
zur Krisis. Wir fanden aber auch ein Beispiel, wo gerade über-
reiche Ernten zu einer so bedeutenden Preissenkung führten, daß sie
gleichfalls zu einer allgemeinen Kalamität wurden. Bedeutsam ist
e8 nun, daß die letzte große Krisis bereits völlig unabhängig von
den Ernteverhältnissen gewesen ist, und daß in den letzten Jahren
sogar trotz der agrarischen Depression ein bis dahin kaum da-
gewesener Aufschwung von Handel und Industrie in Deutschland
eingetreten ist. Der Einfluß der agrarischen Verhältnisse hat sich
also enorm abgeschwächt, obgleich noch heutigen Tages der Ernte-
ausfall für den Volkswohlstand sehr maßgebend sein kann, zumal
derselbe nicht mehr immer wie in früheren Zeiten in umgekehrtem
Verhältnis zu den. Preisen steht, vielmehr reiche Ernten mit hohen
Preisen, Mißernten mit niedrigen Preisen Hand in Hand gehen können,
Aber gleichwohl zeigt es sich, daß heutigen Tages die Volkswirtschaft
in einem höheren Maße von der Industrie beherrscht wird, daß nicht
mehr der größte Teil des Bedarfes die Nahrungsmittel betrifft, und
am wenigstens die der heimischen Landwirtschaft entnommenen Roh-
produkte. Vielmehr besteht der größte Teil des Nationalertrages aus
den Produkten der übrigen Gewerbe, und diese müssen damit das
Wohl und Wehe der Volkswirtschaft in einem höheren Maße be-
stimmen als die Landwirtschaft.

Zwei Momente sind es nun, welche in der neueren Zeit auf
Handel und Industrie einen besonderen Einfluß ausüben können, um
Schwankungen in den Preis- und Absatzverhältnissen herbeizuführen.
Das eine Moment ist die Ausbildung der technischen Hilfsmittel in-
folge der großartigen Erfindungen der Neuzeit, welche die Leistungs-
fähigkeit fast jedes Industriezweiges in der gewaltigsten Weise ge-
steigert hat, so daß mit Hilfe der Dampfkraft, der Maschinen usw.
in kurzer Zeit in den verschiedensten Branchen mehr produziert
werden kann als Bedarf vorliegt. Dies wird durch das
zweite Moment unterstützt: die Ausbildung der Kreditwirtschaft,
welche die Konzentrierung von Kapital zur Erweiterung der Pro-
duktion in kurzer Zeit und in extremem Maße ermöglicht. Durch
beides kann auf den verschiedensten Industriegebieten die Produktion
in der kürzesten Frist vervielfältigt werden. Das schließt eine
wesentliche Erleichterung, in sich, das umlaufende Kapital in stehendes
umzuwandeln. Darin liegt zugleich die Möglichkeit, mehr Waren zu
liefern, als abzusetzen sind, d. h. eine Ueberproduktion zu erzielen,
die notwendig einen erheblichen Preisrückgang zur Folge haben muß.
Da nun zugleich die wirtschaftliche Kulturwelt, die in der gleichen
Weise zu produzieren vermag, sich in der neueren Zeit gewaltig er-
weitert hat, so ist damit die Gefahr der Ueberproduktion in be-
Jeutendem Maße verschärft, während auf der anderen Seite die Nach-
frage nach Industrieprodukten naturgemäß weit größeren Schwan-
kungen unterworfen ist, als die nach landwirtschaftlichen Produkten.
Dazu kommt ferner, daß bei der bedeutenden Ausbildung der Ar-
beitsteilung und damit der Spezialisierung der Arbeit in den ein-
zeinen Etablissements, welche deren ganze Einrichtung nur für die
Herstellung ganz bestimmter Waren geeignet macht, der Uebergang
zu einer anderen Tätigkeit außerordentlich erschwert ist. Der Hand-
weber kann ev. von der Baumwolle zur Wolle übergehen und die
verschiedensten Arten von Zeugen herstellen, während die heutigen

Irsachen der
Preisschwan-
kungen.

Ueber-
)roduktion.