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Sozialistische
Erklärung
der Krisen.

Maschinen nicht nur für jede Art des Rohmaterials, das sie ver-
arbeiten, sehr verschieden hergestellt, sondern auch nur für ganz
bestimmte Arten von Zeugen und Mustern brauchbar sind, so daß
sie zum Stillstand gebracht werden, wenn die Nachfrage gerade
nach ihren Produkten nachläßt. Dazu kommt, daß häufig durch neue
Erfindungen die Herstellungskosten und damit die Preise der Pro-
dukte verschoben werden, wodurch wiederum die Nachfrage erheb-
liche Veränderungen erleidet. Es treten die so außerordentlich häufigen
and durchgreifenden Veränderungen in den Geschmacksrichtungen
hinzu, welche den einen Industriezweig lahm legen, um einen anderen
zu fördern, wodurch bald die eine Gegend, ja ein ganzes Land be-
sonders benachteiligt, ein anderes bevorzugt wird.

Aus allem ergibt sich die große Schwierigkeit, ein richtiges Ver-
hältnis zwischen Angebot und Nachfrage herzustellen und damit die
yroßen Verschiebungen zu vermeiden, welche Krisen herbeiführen.
Die Ursachen können sowohl in Veränderungen der Produktions- wie der
Absatzverhältnisse liegen. Es ist begreiflich, daß auf eine bedeutende
Nachfrage und Preissteigerung infolge einer Ueberproduktion ein
Preissturz folgt und damit eine Krisis eintritt. Die verbesserten
Kommunikationsmittel, sowohl im Transport wie im Nachrichten-
austausch, sind bisher nicht imstande gewesen, die nötige Ausgleichung
herbeizuführen und damit die Krisen zu vermeiden, wohl aber den
akuten Charakter zu mildern,

Um einen Anhalt zur Beurteilung der Mittel zu gewinnen, durch
die man den Krisen entgegenzuarbeiten und ihre Folgen abzuschwächen
vermag, wird es nötig sein, die Lheoretische Seite noch etwas näher
zu erörtern,

Gegenüber den Anschauungen, wie sie in dem Vorhergehenden
zusammengefaßt sind, daß die Krisen hauptsächlich zurückzuführen
sind auf den Großbetrieb mit Hilfe der Maschinen und den Mangel
an Ordnung, die nötig wäre, um die Produktion dem Bedarfe anzu-
passen, wie es schon von Ricardo, John Stuart Mill und Anderen
vertreten wurde, steht die sogenannte sozialistische Theorie, die zuerst
von Robert Owen in den Grundzügen formuliert, dann insbesondere
7zon Rodbertus-Jagetzow vertreten, in etwas anderer Weise
schon in dem kommunistischen Manifest von Marx und Engels
des näheren ausgeführt wurde. Die Grundanschauung geht bei
i(etzteren dahin, daß eine Ueberproduktion an sich ein Unding sei, da
es stets Menschen gäbe, die bereit wären, jene Massen von Gütern
zu verwerten, die unter den jetzigen Verhältnissen einen Absatz nicht
zu finden vermögen; wie Leroy-Beaulieu sich gelegentlich aus-
drückte: eine wirkliche Ueberproduktion sei nur an Wiegen und
Särgen möglich, die allerdings einem bestimmten Bedürfnis nach der
Zahl der Geburten und Sterbefälle gegenüberstehen.

Unzweifelhaft ist es richtig, daß die Unverkäuflichkeit
meist nicht zurückzuführen ist auf die hauswirtschaftliche Unverwert-
barkeit der Gegenstände, sondern auf die zu geringe Kaufkraft der
Bevölkerung, und das ist eine Kigentümlichkeit der ganzen modernen
Volkswirtschaft, daß eben überall die Kaufkraft entscheidend ist,
nicht aber das Bedürfnis. Rodbertus und Andere, z. B. auch
Proudhon, gehen nun davon aus, daß die geringe Kaufkraft nur
auf die ungenügenden Löhne zurückzuführen sei. welche die arbeitende