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Bevölkerung erhält. Mit Hilfe der Arbeiter, sagen sie, werden Waren
in einem höheren Werte erzeugt, als der Lohn ist, den die Arbeiter,
welche die Waren hergestellt haben, erhalten. Die Kaufkraft der
Arbeiter wird durch ihren Lohn repräsentiert, sie können daher nur
einen Teil der von ihnen erzeugten Ware kaufen. Der Kapitalist
und der Unternehmer, welche die Arbeiter beschäftigen und die
Differenz zwischen dem Lohn und dem Werte des Arbeitsproduktes
für sich in Anspruch nehmen, repräsentieren nach der Meinung Vieler
überhaupt nur eine unbedeutende Konsumtionskraft, die kaum in
Frage kommt, oder doch nur eine solche, die bei weitem nicht im-
stande ist, die geschaffenen Werte zu absorbieren. Daher sieht sich
der Kapitalist genötigt (Flürscheim), einen erheblichen Teil des
gewonnenen Wertes fortdauernd zu kapitalisieren und wiederum zur
Produktion zu verwenden, wodurch die Ueberproduktion noch immer
mehr verschärft wird.

Es ist nun ohne weiteres zuzugestehen, daß es kein besseres
Mittel gibt, jede Ueberproduktion zu vermindern, als die Steigerung
der Kaufkraft der Bevölkerung, aber nicht nur der einfachen Arbeiter-
bevölkerung, sondern der verschiedenen Klassen des Volkes. Nicht
genügend berücksichtigt wird aber, daß auch der Kapitalist durch
seine Ersparnisse eine erweiterte Nachfrage nach den mannigfaltigsten
Produkten herbeiführt, wenn er neue Fabrikunternehmungen unter-
stützt, Gelder für neue Kommunikationswege beiträgt und derg]l. mehr.
Denn nicht nur die Konsumtion, auch die Produktion absorbiert
Güter aller Art. Wenn aber diese Neuanlage nur zu einer weiteren
Ueberproduktion führen würde, so müßte dieselbe in Permanenz geschehen,
was durchaus nicht der Fall ist. Sie tritt vielmehr nur zeitweise
ein, als Uebergang. Man kann auch nicht sagen, daß eine fortdauernde
Steigerung der Ueberproduktion zu beobachten ist, vielmehr tritt
eine Krise doch nur infolge von Ueberspekulation und Ueberschreitung
des gewöhnlichen Maßes ein, nicht schon bei regulärer Produktion,
wo natürlich auch Schwankungen in den Konijunkturen eintreten,
aber ohne akuten Charakter.

Auf die Einseitigkeit der sozialistischen Auffassung hat schon
Lexis in Schönbergs Handbuch aufmerksam gemacht, denn eine
Lohnerhöhung, durch welche die Kaufkraft des Arbeiters gesteigert
wird, erweitert nicht die Nachfrage nach allen Produkten gleich-
mäßig, vielmehr nur einseitig nach bestimmten Bedarfsartikeln gerade
des Arbeiters; und auch bei diesen durchaus nicht bei allen Artikeln.
Die Nachfrage nach Kartoffeln wird sich vermindern, dagegen nach
Fleisch vermehren, ebenso nach groben Zeugen weniger zunehmen
als nach feineren. Hat in der Seidenindustrie eine zu starke Produktion
stattgefunden, so wird sie auch der besser situierte Arbeiter nicht
mindern. Sind mehr Schienen gemacht, ist überhaupt mehr Eisen
aus den Hochöfen hervorgegangen, als momentan verwendet werden
kann, und das kann außerordentlich leicht geschehen, so bietet auch
die allgemeinste Lohnerhöhung dagegen keine Abhilfe, also auch
dann nicht, wenn, wie bei Proudhon, jeder tätige Mensch unter
die Arbeiterklasse gerechnet wird. Der gesunde Kern, der in jener
Anschauung liegt, ist durch die Verschiebung ins Extrem zu einem
krankhaften Zerrbild geworden.

Alle Maßregeln, welche einer Ueberspekulation entgegenwirken,
°oine Gründung und Erweiterung von Aktiengesellschaften allein zu

Konrad. Grundriß der nolit. Oekonomie. I. Teil 8 Aufi. 20

Maßregeln
vegen Krisen