306 —

Folgen der
Krisen.

Spekulationszwecken verhindern, werden in angemessener Weise die
Krisen einschränken. Jede Einrichtung, welche über die Verände-
rungen der Produktions- und Bedarfsverhältnisse orientiert, z. B. ge-
naue Berichte der Konsulate, wie sie in England und den Vereinigten
Staaten geliefert werden, aber leider viel zu wenig in Deutschland,
werden dazu beitragen, Ueberproduktionen zu verhindern. Unzweifel-
haft werden gutgeleitete Kartelle Krisen zu mildern vermögen, indem
sie rechtzeitig auf eine Einschränkung der Produktion hinwirken, so-
bald sich Anzeichen einer Ueberproduktion bemerkbar machen. Wie
schon früher ($ 62) ausgeführt, ist es eine Hauptaufgabe der großen
Zentralbanken, durch Erhöhung des Diskonts einer zu weitgehenden
Spekulation entgegenzuwirken. Staat und Gemeinde können viel zur
Ausgleichung der Tätigkeit beitragen und damit der Arbeitslosigkeit
entgegenwirken, wenn sie Bauten, neue Anlagen usw. soweit tunlich
auf die Zeiten der Geschäftsstille verlegen und während wiıtschaft-
lichen Aufschwungs einstellen. Doch ist dieser Einfluß von der Aus-
jehnung des Staatsbesitzes und Kommunalbetriebes abhängig und
naturgemäß eng begrenzt. Besonders wichtig ist es, die Fulgen der
Krisen in höherem Maße von der Arbeiterklasse abzulenken, denn es
oleibt eine übermäßige Härte und Ungerechtigkeit, daß der Fabrikant,
der aus den hohen Preisen mit Hilfe einer großen Zahl von ihm aus
anderen Tätigkeiten herangezogener Arbeiter Gewinn bezogen hat,
sich durch Einschränkung seiner Tätigkeit und entsprecheude Ent-
ljassung von Arbeitern, die damit der Not preisgegeben werden,
vor Verlusten schützt. Doch ist dieses bei Betrachtung der Arbeiter-
frage des näheren zu erörtern, aber nicht an dieser Stelle.

Die volkswirtschaftliche Wirkung der Krisen ist von vielen Seiten
sehr überschätzt, von anderer Seite unterschätzt. Max Wirth ver-
gleicht sie mit dem Gewitter, das wohl auch das Getreide durch
scharfen Regen niederschlägt und Bäume umwirft, dabei aber im ganzen
befruchtend wirkt und weit mehr Nutzen als Schaden anrichtet. Dies
ist unzweifelhaft zu optimistisch geurteilt, wenn es auch als ein Segen
anzusehen ist, wenn eine Spekulationsphase schließlich durch den doch
anvermeidlichen Rückschlag zum Stillstande gebracht wird. Die Ver-
luste durch plötzlichen Kursrückgang, Zahlungsstockungen und Banke-
rotte, Stillstand von Fabriken, Entlassung von Arbeitern sind doch
zu große und von zu nachhaltiger Wirkung, als daß sie so harmlos
aufyefaßt werden dürften. Namentlich ist die Not, die dadurch in
der Arbeiterklasse herbeigeführt wird, eine sehr harte und erfordert
umfassende Hilfe, Auf der anderen Seite ist es entschieden zu weit
gegangen, die Verluste eines Landes nach dem Kursrückgange be-
messen zu wollen, denn die Bedeutung z. B. der Aktiengesellschaft
für den Volkswohlstand ist nicht nach dem Nominalwert der Aktien
zu berechnen, sondern nach dem Reinertrage und der nachhaltigen
Produktionskraft der Unternehmungen. Wer die Aktien einer gut
zituierten Gesellschaft vor dem Eintritt der Spekulationssteigerung
kaufte und sie bis nach der Krisis in der Hand behielt, hat weder
durch die Haussebewegung einen nachhaltigen Vorteil, noch durch
den Sturz des Kurses Verluste gehabt. Er befand sich eine Zeitlang
in der Illusion, einen Vermögenszuwachs gewonnen zu haben, der
sich nachher als nicht real herausstellte. Haben dazwischen dagegen
Umsätze der Aktien stattgefunden, so hat allerdings derjenige auf
Kosten des Känfers einen Gewinn erzielt. der im Momente der Kurs-