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Kingriff der
staatsgewalt
in die Ein-
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antersuchen sein, ob die Bevölkerung reif dafür ist und das Gebotene
entsprechend zu würdigen weiß. Wie für den Reichen die Ausgabe
für ein kostbares Anregungsmittel, wie Kaviar und Schaumwein,
sich rechtfertigen läßt, die für den Unbemittelten geradezu ein Ver-
brechen sein kann, wenn durch sie die Familie zum Hunger ver-
urteilt wird; wie die Anschaffung eines Kunstwerkes, der Besuch
eines teueren Konzertes für den Kunstverständigen berechtigt, für
den Ungebildeten dagegen ein verwerflicher Luxus sein kann, wird
auch für ein Land je nach der Kulturstufe und je nach der Wohl-
habenheit eine Ausgabe am Platze sein oder als verwerflich ange-
sehen werden müssen. Der Maßstab ist ein relativer und für den
einzelnen Fall besonders zu bestimmen. Gleichwohl läßt sich ein
solcher Maßstab, wie angedeutet, prinzipiell aufstellen, und ebenso
angeben, welche Verteilung des Besitzes und Einkommens unter ge-
yebenen Verhältnissen angemessen ist, welche dagegen nicht. Die
Ungleichheit, welche einen extremen Luxus begünstigt, wird als zu
weitgehend bezeichnet werden müssen und ebenso eine solche, welche
den Mittelstand verdrängt und die unterste Klasse zu einer unzu-
reichenden Lebenshaltung verdammt. Unbedingt wünschenswert wird
es sein, daß eine jede Arbeit reichlichen Lohn erhält, um eine Prämie
für Fleiß und Ausdauer zu gewähren und das Bewußtsein in Jedem
rege zu erhalten, daß er sich durch Fleiß und Arbeitsamkeit auf
eine höhere Stufe emporzuheben vermag. Darin liegt der unendliche
Vorzug, den die neuaufstrebenden Länder, z. B, die nordamerikanische
Union gegenüber der alten Welt haben, daß ihre hohen Löhne Jedem,
der Fleiß und Tüchtigkeit besitzt, gestatten, sich in die besitzende
Klasse emporzuarbeiten, während bei uns gerade die Hoffnungslosig-
keit, die eigene Lage zu verbessern, dauernde Unzufriedenheit und
die sozlaldemokratischen Ideen groß zieht, die unter amerikanischen
Verhältnissen nicht aufzukommen vermögen. Demgegenüber ist es
wünschenswert, daß der arbeitslose Gewinn aus Besitz, wie Kapital-
zins und Grundrente, niedrig ist, um nicht Genuß ohne Arbeit zu
fördern, dagegen Produktionsmittel den Strebsamen möglichst billig
zur Verfügung zu stellen.

Unzweifelhaft ist in der Gegenwart nicht überall die Verteilung
les Besitzes und des Einkommens in idealer Weise zu beobachten,
ınd man hat vielfach eine künstliche Regelung durch die Staatsge-
walt verlangt, wie es im Extrem die sozialistische Partei tut. Aber
solch ein Anspruch beruht auf Verkennung der menschlichen Natur,
die verhältnismäßig leicht Härten erträgt, die als durch die Verhält-
nisse geboten und unvermeidlich erscheinen; während diejenigen,
welche zwar viel geringer, aber durch menschliche Willkür herbei-
yeführt sind, weit stärkere Opposition hervorrufen. Eine Ordnung der
Einkommensverhältnisse durch die leitende Gewalt, wie sie die sozia-
listische Partei erstrebt, ist nur unter Beseitigung der individuellen Frei-
heit möglich, und eine durchweg gerechte Verteilung durch eine Zentral-
gewalt ist als über menschliche Kräfte hinausgehend nicht zu er-
warten. Es wird deshalb das allein Richtige sein, im allgemeinen
die Entwicklung der Einkommensverhältnisse sich selbst zu über-
lassen und von außen nur indirekt einen Einfluß auszuüben. Dies
kann allerdings durch die Staatsgewalt in mannigfaltiger Weise ge-
schehen; vor allem durch eine Erbrechtsgesetzgebung, welche auf
eine Verteilung des Vermögens hinwirkt (wie das allyemeine gleiche