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Erbrecht), die Konzentration zum mindesten nicht begünstigt (Be-
zseitigung der Fideikommisse): ferner durch eine Besteuerung, welche
die Ausgleichung begünstigt (progressive Erbschafts- und Einkommen-
steuer); durch eine hohe Besoldung der Angestellten des Staates,
besonders der unteren Klasse; durch eine angemessene Arbeiter-
schutzgesetzgebung, besonders Arbeiterversicherung; Tilgung der
Staatsschulden zur Ermäßigung des Zinsfußes u. dgl. m. Zu Ge-
waltmaßregeln dagegen, welche die Grundlagen unserer Volkswirt-
schaft und Kultur erschüttern, liegt um so weniger Veranlassung
vor, als die neuere Entwicklung mehr optimistisch als pessimistisch
aufzufassen ist.
8 78.
Die neuere Entwicklung der Vermögensverteilung.
Ehrenberg, Große Vermögen, ihre Entstehung und ihre Bedeutung. Jena
‚902 u. 05.
Dr. P. D. Fischer, Ad. v. Hansemann, (Gedächtnisrede) 1904,
Bergengrün, Hansemann, 1906.
Ed. Bernstein, Die Voraussetzungen des Sozialismus. 1899.
J. Wolf, Sozialismus und kapitalistische Wirtschaftsordnung. Stuttgart 1892.
Von vielen Seiten, besonders von der Sozialdemokratie, aber
nicht nur von dieser allein (Roscher, Wagner), ist die Behaup-
sung aufgestellt, daß die auf dem Individualismus und wirtschaft-
licher Freiheit aufgebaute Volkswirtschaft sich auf der abschüssigen
Bahn befinde, die zu wachsender Konzentration des Volksvermögens
and Einkommens in wenig Händen unter der KExpropriation des
Mittelstandes und der Proletarisierung der großen Masse der Be-
völkerung führe (Marx, Engels, Kautsky).

Diese Auffassung ist, wie in der neuesten Zeit immer aillge-
meiner anerkannt wird (Julius Wolf, G. Schmoller, V. Böh-
mert), entschieden unrichtig. Der Versuch aber, einen statistischen
Beweis dafür zu liefern, kann kaum gelingen, da das Material zu
anzulänglich ist und zu neuen Datums, so daß man nicht weit aus-
einander liegende Perioden miteinander vergleichen kann, was hierbei
anumgänglich notwendig ist. Auch kann eine rein mathematische
Beweisführung nicht dem Wesen volkswirtschaftlicher Verhältnisse
yerecht werden. Dagegen bedarf es nur eines historischen Rück-
blicks und einer Vergleichung der Verhältnisse in den verschiedenen
Ländern mit ungleicher Kultur in der Gegenwart, um sich davon zu
überzeugen. ,

‚Auf primitivster Stufe der Kultur ist allerdings große Gleichheit
in den Besitzverhältnissen der Ausgangspunkt, wo Besitz überhaupt
eine untergeordnete Rolle spielt, und die Gesamtheit fortdauernd von
der Hand in den Mund lebt, also sich alle Glieder eines Stammes
in dem Zustande des Proletariats befinden. Sobald das wirtschaft-
liche Leben auf eine höhere Stufe gelangt, der Besitz größere Di-
mensionen annimmt, bilden sich bald die schärfsten Gegensätze aus,
die denkbar sind. Einzelne Wenige als Häuptlinge und Herrscher
vereinigen den Besitz in ihrer Hand, die große Masse bleibt Proletarier.
Auch der Grundbesitz, sei er gemeinsam ausgenutzt, sei er allmählich
in Privateigentum übergegangen, ändert an der dürftigen Lage der
zroßen Masse wenig. Kin weiterer scharfer Gegensatz bildet sich
zwischen Freien und den gänzlich besitzlosen Sklaven aus. Man

;Jistorischer
Rückblick.