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Vergleichung
verschiedener
Länder.

erinnere sich der gewaltige Schätze aufhäufenden persischen Herrscher
und ihrer Satrapen einerseits und der großen Masse des dürftig
lebenden Volkes andererseits, der athenischen und römischen Bürger
gegenüber der Masse der Sklaven, und unter den Bürgern des Gegen-
satzes zwischen einzelnen angesehenen, reichen Bürgern und der Menge
aus öffentlichen Spenden Unterhaltener zur Zeit der höchsten Blüte
beider Länder.

In der gleichen Weise bildete sich mehr und mehr im Mittelalter
der Gegensatz zwischen Grundherren und Bauern aus, von denen die
letzteren sich im großen ganzen über die Lage unserer ländlichen
Tagelöhner nicht wesentlich erhoben. Auch in den Städten bestand
ein krasser Gegensatz zwischen Grundherren und den kleinen Leuten,
an die sich die große Masse der Bettler und Vagabunden anschloß.
In den Hauptstädten freilich entwickelte sich ein reges Gewerbs-
leben, und die Mitglieder der Zünfte gelangten vielfach zu Wohl-
stand. In den kleineren Städten dagegen waren auch bei den Hand-
werkern die Zustände überaus kläglich. Das verschärfte sich be-
sonders nach dem 30jährigen Kriege und läßt sich noch für das Ende
des 18. Jahrhunderts schlagend nachweisen.

Seit jener Zeit hat sich die Verteilung‘ von Besitz und Ein-
kommen allgemein wesentlich günstiger gestaltet. Auch wissenschaft-
liche Vorkämpfer der Sozialdemokratie (Bernstein, Schönlan k)
erkennen an, daß die Lage der unteren Klassen sich im Laufe des
letzten Jahrhunderts gewaltig gebessert hat. Ebenso unverkennbar ist
es, daß sich ein wachsender Mittelstand entwickelt hat, der ein be-
häbiges Dasein zu führen, Ersparnisse zu machen vermag und über
einen entsprechenden Rückhalt an Besitz verfügt. Man braucht nur
an das Aufblühen unseres Bauernstandes zu denken, für den ein weit
kleinerer Besitz an Grund und Boden gegenüber früheren Zeiten
genügt, um ihn als zur Mittelklasse gehörig erscheinen zu lassen.
Ebenso läßt die Beobachtung der Bauten in den Städten, die erst
neuerdings Bedeutung erlangt haben, die wachsende Zahl derer er-
kennen, die auf bessere Wohnungen Anspruch machen und in der
Lage sind, sie zu bezahlen. Es ergibt sich daraus, daß durch das
allgemeine Wachsen des Wohlstandes eine größere Zahl tüchtiger
Leute aus dem Handwerkerstande, wie auch aus der Fabrikarbeiter-
schaft Stellungen zu gewinnen vermögen, durch welche sie sich dem
Mittelstande einreihen, wobei die absoluten Zahlen in einem höheren
Maße ins Gewicht fallen als die Verhältniszahlen; d. h. auch da, wo
bei starker Zunahme der Bevölkerung die untere Schicht einen etwas
wachsenden Prozentsatz ausmacht, kann dieses reichlich ausgeglichen
werden durch die Erhöhung des Einkommens aller Schichten und
eine bedeutende Zunahme der absoluten Zahl der in behäbiger Lage
befindlichen Personen. Schon durch das Sinken des Preisniveaus der
Artikel des gewöhnlichen Bedarfes ist auch bei gleichem Einkommen
unter bescheidenen Verhältnissen die Kaufkraft gestiegen und hat
sich die Lebenshaltung verbessert.

Ganz besondere Bedeutung ist aber hierbei auf die Vergleichung
der verschiedenen Länder zu legen. Wo ist der Mittelstand am
größten; in den unkultivierten oder in den kultivierten Ländern?
Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein. Nirgends steht sich unver-
mittelter Arm und Reich gegenüber als in Rußland. Am meisten
schreitet dort in neuerer Zeit Polen vor, wo sich erst jetzt allmäh-