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lich, hauptsächlich in den Städten, ein Mittelstand entwickelt. Weit
zrößer ist derselbe augenfällig in Deutschland und weit mehr im
Westen als im Osten. Wie jeder Reisende schon bei oberflächlicher
Betrachtung zu konstatieren vermag, nimmt der Mittelstand wiederum
in Frankreich einen größeren Spielraum ein als in Deutsch-
land, in England mehr als hier, und entschieden am meisten in
den Vereinigten Staaten von Amerika. Die große Masse der
amerikanischen Farmer gehört dem Mittelstande an und steht nur
einer sehr geringen Zahl von Arbeitern und einer verschwindenden
Zahl von Großgrundbesitzern gegenüber. Es ist ein Irrtum zu meinen,
daß es dort in den Städten nicht selbständige Handwerker, kleine
Kaufleute und Fabrikanten gäbe, die vielmehr, namentlich in den
mittleren und kleineren Städten, eine große Rolle spielen und ver-
möge ihres hohen Verdienstes der Mittelklasse zuzuteilen sind. Zu
ihr gehört auch außerdem ein sehr bedeutender Teil der Arbeiter in
den Fabriken infolge ihres hohen Lohnes und der Ersparnisse,
die sie zu machen vermögen, da der gewöhnliche Lebensunterhalt,
die einfache Hauseinrichtung und Bekleidung billiger sind als in
Europa.

Die Vorstellung, daß in England, wie in Amerika der Gegen-
satz zwischen wenigen immens reichen Leuten und der großen Masse
der Besitzlosen weiter und unvermittelter sei, als auf dem euro-
päischen Kontinente, stammt aus dem Beginne des letzten Jahr-
hunderts, wo sie für England wenigstens zutreffend gewesen ist. Seit-
jlem haben sich die Verhältnisse auch im britischen Reiche in dieser
Hinsicht außerordentlich gebessert. Auf dem Lande bildet der Pächter-
stand eine im Durchschnitt sehr wohl situierte Mittelklasse bei einer
sehr kleinen Zahl ländlicher Arbeiter und verschwindendem Par-
zellenbesitz. Diese Mittelklasse hat sich erst im Laufe des letzten
Jahrhunderts aus recht tiefer Stufe emporgearbeitet. Der Großbetrieb
in den Städten, der mit der ganzen zivilisierten Welt in Beziehung
steht, verlangt eine große Zahl gebildeter Personen zur Mitwirkung
als Buchhalter, Korrespondenten, Ingenieure, aber auch gut be-
soldeter, handwerksmäßig ausgebildeter Arbeiter, die durch ihre Löhne
and den Anteil an ergänzendem Besitze einen neuen Mittelstand
oilden. In der gleichen Weise sehen wir auch in Deutschland mit
lem Großbetriebe in dem privaten Beamtenstande einen neuen Mittel-
stand herauswachsen, welcher mehr und mehr an die Stelle des alten
Handwerkers tritt. Ganz besonders kommt aber hinzu, daß die
Milliarden, die zinstragend in Papieren, Hypotheken, Aktien angelegt
sind, mehr und mehr in die Hände der mittleren und auch der unteren
Klassen gelangen und einen Zuschuß zu dem Arbeitsverdienst er-
geben, worüber es leider noch an der nötigen Statistik fehlt, um dies
angemessen zu beleuchten. Wir erinnern nur an die Milliarden. die
heutigen Tages in den Sparkassen liegen. |

Von einer Verdrängung des Mittelstandes kann in unserer Zeit
trotz der Konzentrierung großer Vermögen in einzelnen Händen (man
nimmt an, daß es in den Vereinigten Staaten mehr als 5000 Millionäre
and Milliardäre gibt) keine Rede sein, während zugleich die Lage
der Arbeiterklasse sich fortdauernd durch Erhöhung des Lohnes
verbessert, wozu noch eine lange Zeit hindurch eine Ermäßigung der
Preise der gewöhnlichsten Bedürfnisse hinzutrat, für welche die
antere Klasse hauptsächlich ihr Geld ausgibt. Aber dabei kann sehr