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mögen hin-
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mente.

wohl ein extremer Reichtum sich in einzelnen Händen entwickeln,
der immerhin die Gesamtheit benachteiligen kann. Ganz unzweifel-
haft werden heutigen Tages schneller als früher große Vermögen ge-
wonnen, wie das bei dem gewaltigen Umsatz in dem volkswirtschaft-
lichen Verkehre nicht anders zu erwarten ist. Das wird aber keine
nachteilige, sondern nur eine erfreuliche Erscheinung sein, wenn diese
Vermögensbildung das Ergebnis hervorragender Leistung und scharfer
Arbeit ist, und ferner, wenn diese großen Vermögen wieder einem
fordauernden Verteilungsprozesse anheimfallen, nicht aber dauernd
so könzentriert bleiben und nur die Genußsucht unterstützen.

Es ist nun eine ebenso verbreitete als irrige Auffassung, daß in
der neueren Zeit die großen Vermögen mehr durch Spekulation oder
gar durch Schwindel und Betrug erzielt werden als durch redliche
Arbeit. Daß solche Fälle vorkommen, kann nicht bestritten werden:
sie bilden aber Ausnahmen. Zu den Höchstbesteuerten gehörten in
Preußen Männer wie Krupp, Siemens, früher Borsig und andere große
Industrielle, die der Gesamtheit durch ihre Leistungen den größten
Nutzen gebracht haben; und auch Männer, wie der Gründer des Hauses
Rothschild, Hansemann usw. haben auf kaufmännischem Gebiete ebenso
hervorragende Erfolge von allgemein volkswirtschaftlicher Bedeutung
aufzuweisen, wie Jene auf industriellem. Ihr Reichtum war nur der
Lohn angestrengtester Arbeit und überlegener Intelligenz. Bedenken
würde derselbe, wie gesagt, nur erregen, wenn er sich in dieser
Höhe in Permanenz erhielte. Das ist aber durchaus nicht der Fall,
solange nicht künstliche Maßregeln die Zusammenhaltung bewirken,
wie Verheiratung innerhalb eines engen Kreises von Familien oder
ein Erbrecht, welches das Erbe einem einzelnen Mitgliede der Familie
vorzugsweise oder ausschließlich zuwendet und die Verteilung durch
Ausschluß von Verkauf, Verschuldbarkeit usw., wie durch sonstige
fdeikommissarische Festlegung verhindert. In Amerika beginnt die
Kapitalaristokratie das Zusammenhalten des Reichtums dadurch zu
erreichen, daß ein Sohn das ganze Vermögen als Trust zur Verwal-
tung für die Familie erhält.

Sind solche Beschränkungen nicht vorhanden, so gehen schon
durch das gleiche Erbrecht bei stärkeren Familien auch sehr große
Vermögen in der zweiten und dritten Generation erheblich aus-
einander, und noch mehr wirkt in dieser Hinsicht das wirtschaftliche
Leben selbst, welches fortdauernde Gefahren für das Vermögen in
sich schließt, so daß es großer Vorsicht und intensiver Tätigkeit be-
darf, um den Besitz längere Zeit intakt zu erhalten. Es ist eine
alte Erfahrung, daß in den großen Kaufmannsstädten nur selten eine
bedeutende Firma bis in die dritte Generation ohne einen Bankerott
gelangt und noch seltener in derselben Familie erhalten bleibt. Das-
selbe ist in der Industrie und in der neueren Zeit auch in der Land-
wirtschaft zu beobachten, wo fortdauernd bedeutende Vermögen ver-
Joren gehen, und der Besitzwechsel ein außerordentlich rapider ist.
Dazu kommt, daß in unserer Zeit und ganz besonders in Deutsch-
land die humanistische Schulbildung bei der heranwachsenden Jugend
der wohlhabenden Klassen den Erwerbstrieb künstlich erstickt durch
die Mißachtung, welche dem materiellen Erwerbsstreben als Banausen-
tum auf unseren Gymnasien entgegengebracht wird. Daher wenden
sich verhältnismäßig selten Kinder reicher Häuser einem Gewerbe
zu, sondern dem Beamtentum, dann besonders dem Offizierstande, um