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eine glänzende gesellschaftliche Stellung zu gewinnen, oder sie widmen
sich Kunst und Wissenschaft, wo die Arbeit selbst in höherem Maße
zum Genusse wird. In diesen Berufszweigen ist nur selten Gelegen-
heit gegeben, Vermögen zu erwerben oder dasselbe zu vergrößern,
aber sehr viel Veranlassung, dasselbe zu verkleinern. Durch die Ge-
wohnheit des preußischen Adels, sich dem Dienste des Königs zu
widmen, hat derselbe sich mehr und mehr um den ursprünglichen
Besitz gebracht. Friedrich der Große gestattete außer in West-
preußen dem Bürgertum überhaupt nicht den Erwerb von Rittergütern.
Heutzutage ist der größte Teil derselben in Händen von Bürger-
lichen, und würde es noch in viel ausgedehnterem Maße sein, wenn
nicht ein großer Teil derselben als Fideikommiß dem Adel gesichert
wäre; und die Verarmung des Adels würde noch eine viel weiter-
gehende sein, wenn er sich nicht in ausgedehntem Maße Töchter aus
reichen industriellen und Kaufmannshäusern holte, um damit in einer
anderen Weise wieder zur Verteilung der großen Vermögen beizu-
tragen. Dazu kommt ferner die anerkannt geringe Leistungsfähig-
keit der jeunesse dorge, die nur zu häufig mit Arbeitsscheu extreme
Genußsucht verbindet und dadurch das Ergebnis saurer Arbeit der
Väter in kurzer Zeit vergeudet. Dem sucht man in Amerika durch
die Erziehung entgegenzuwirken. Gregory sagt darüber: Ein
Mann, der ein Vermögen erworben hat, wünscht, daß sein Sohn
fähig sei, dasselbe zu tun. Millionäre schicken ihre Söhne nicht auf
die Universität, weil sie fürchten, sie dort für das Geschäfts-
leben untauglich zu machen. Dagegen weisen sie sie schon im
jugendlichen Alter darauf an, sich ihren Unterhalt selbst zu ver-
dienen.

So liegen eine Menge Verhältnisse vor, welche fortdauernd an
jer Verteilung der Vermögen arbeiten, die heutigen Tages erworben
sein wollen, um sie nachhaltig zu besitzen. Die Gefahr einer fort-
dauernd zunehmenden Konzentration des Besitzes ist deshalb sehr
gering, solange sie nicht durch eine verkehrte Gesetzgebung einseitig
begünstigt wird. Auch nach der Richtung ist aber die Entwicklung
unseres volkswirtschaftlichen Lebens optimistischer aufzufassen, als
es gewöhnlich geschieht, daß der Arbeitslohn verhältnismäßig mehr
steigt, als der Gewinn aus Besitz ohne Arbeit.

Vier Bezüge sind es, in die der Ertrag zerfällt, aus welchem das
Einkommen stammt; wie er sich nach den verschiedenen Produktions-
faktoren verteilt, von denen jeder eine besondere Rente abzuwerfen
vermag. Das ist die Grundrente, die Kapitalrente, die
Arbeitsrente, zu denen dann aus der Vereinigung aller drei in
einer besonderen Weise der Unternehmergewinn hinzutritt.
Alle vier werden uns noch besonders zu beschäftigen haben. An
dieser Stelle ist nur darauf hinzuweisen, wie zwischen denselben die
Verschiebung sich in der Hauptsache so vollzieht, wie es als kultur-
förderlich anzusehen ist. In der zweiten Hälfte des letzten Jahr-
hunderts ist der Arbeitslohn wie das Gehalt der Beamten in außer-
ordentlicher Weise gestiegen, während ein Rückgang des Kapital-
zinses damit Hand in Hand ging, und, wenn nicht alles trügt, ist
trotz der momentanen entgegengesetzten Verschiebung nach kurzer
Zeit die gleiche Entwicklung weiter zu erwarten. Die neuere Agrar-
krisis hat zugleich auf dem Lande einen Rückgang der Grundrente
herbeigeführt. Nur in den Städten und deren Umgebung ist dieselbe

Vier Teile des
Kinkommens.