89% —

gegen da, wo der Reiz der Zinsprämie nicht mehr ausreicht, um zur
Kapitalsbildung und zur Eingehung eines Darlehnsgeschäftes in er-
weitertem Maße anzuregen. Mit der Entwicklung der Kultur er-
mäßigt sich der Zinsfuß mehr und mehr. Eine genaue Statistik
darüber fehlt allerdings, weil es schwer ist, für denselben einen an-
gemessenen Durchschnitt festzustellen. Den besten Anhalt dafür hat
man in dem Zins für erste Hypotheken und ferner in dem Kurs
sicherer zinstragender Papiere. Für die ältere Zeit fehlt es indes
an derartigen Angaben. Immerhin läßt sich feststellen, daß z. B.
noch im 13. bis 14. Jahrhundert in England ein Zins von 20%
nichts Außergewöhnliches gewesen ist; in dem 16. Jahrhundert be-
trug er 10%, Anfang des 17. Jahrhunderts 8%, in der Mitte des-
selben 6"/,, Anfang des 18, Jahrhunderts 5%; in der Mitte des
18. ‚Jahrhunderts stand er zeitweise schon 3°%,, im Beginne des
19. Jahrhunderts wieder erheblich höher und ist dann in der neueren
Zeit unter 2*/, °% gesunken. In Holland war schon Anfang des
18, Jahrhunderts eine längere Zeit hindurch der Zins auf 2%, %, herab-
gegangen (d’Aulnis, Jahrb. für Nationalökon. 1889 Ba. 52).

In Preußen war noch im Beginne des 19, Jahrhunderts der
hypothekarische Zinsfuß sehr allgemein 6—7%,, für zinstragende,
sichere Papiere 5%. Er ging dann Ende der dreißiger Jahre bei den
letzteren auf weniger als 3'/, °% herunter und betrug eine lange Zeit
für hypothekarische Darlehen 5%. Bei den Obligationen war er 1887
auf 3 °/, Anfang der neunziger Jahre auf etwas unter 3!/, °% gesunken,
um 1899 wiederum auf gegen 3'/, °% zu steigen, i. J. 1907 betrug er
etwa 3*%,, während der Hypothekenzinsfuß zwischen 3'/, und 4*/, %
anzunehmen ist. Der Diskont dagegen, namentlich der Privatdiskont,
ist in den neunziger Jahren in Deutschland wiederholt unter 2%, in
London sogar unter 1°, gesunken und steht im Durchschnitte tiefer
als der Landeszinsfuß.

Die folgende Tabelle gibt in den Kursen einen Anhalt zur Ver-
folgung der Entwicklung des Zinsfußes.

(Siehe Tabelle S. 328.)

In mehr zurückgebliebenen Ländern finden wir noch jetzt, selbst
bei ganz sicherer Kapitalsanlage, einen sehr viel höheren Zins, z. B.
in Rußland. In den Ver. Staaten von Amerika steigt er,
je weiter man nach dem Westen geht, während er sich im Osten in
der neueren Zeit dem europäischen wesentlich genähert hat und wohl
auf 4°% und darunter anzunehmen sein dürfte. In Dakota werden
für sichere Hypotheken 7° und mehr gezahlt, und der Zinsfuß für
kaufmännischen Kredit im Westen erreicht sehr allgemein 10 9% und
übersteigt diesen Satz vielfach.

Die verschiedenen Arten der Kapitalsanlage, wie auch die im
Verkehre stehenden Länder streben fortdauernd nach einer Ausgleichung
des Zinsfußes. Die Verschiedenheit erscheint jedoch wegen der hohen
Risikoprämie, die in unkultivierten Ländern gezahlt werden muß, und
die sich bei uns außerordentlich vermindert hat, vielfach größer als
sie in Wirklichkeit ist, Seit den vierziger Jahren hat in der ganzen
ziyilisierten Welt der Eisenbahnbau enorme Kapitalien absorbiert und
zuerst eine Steigerung des Zinsfußes herbeigeführt, dann ein rapides
Sinken aufgehalten, welches der gerade durch die Bahnen stark ge-
hobene Wohlstand sonst herbeigeführt haben müßte. Außerdem kam
in Betracht die weitgehende Absorption von Kapitalien durch Staats-

Statistik.

TEN

und nächste

Zukunft des
Zinsfußes.