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wissenschaftlichen Tätigkeit hingibt, kann im Durchschnitte auf hohe
Einnahmen nicht rechnen, wenn er nicht durch hervorragende
Leistungen eine exzeptionelle Stellung erlangt und Monopolpreise
fordern kann, wie ein hervorragender Arzt, Maler, Sänger. Er muß
in der Arbeit, die ihm zum steten Genuß wird, eine Entschädigung
für den fehlenden pekuniären Gewinn sehen. Es ist daher nicht als
eine Ungerechtigkeit zu bezeichnen, wenn geistige Arbeit, obwohl sie
höhere Bildungskosten erforderte, schlechter bezahlt wird als rein
physische Tätigkeit, und je mehr der Bildungsdrang in der Be-
völkerung sich entwickelt, je mehr Personen aus der unteren Klasse
sich der geistigen Schulung unterwerfen und der Kopfarbeit widmen,
um eine bessere gesellschaftliche Stellung zu erlangen, um so mehr
muß geistige Arbeit im Wert sinken, die physische dagegen erhöhten
Lohn erlangen, um eine Ausgleichung herbeizuführen.

Der Lohn ist ferner im Verhältnis zur Leistung zu be-
trachten, also vom Standpunkt des Arbeitgebers aus. Für
ihn kann ein Lohn hoch sein, der dem Arbeiter niedrig erscheint,
wenn dessen Leistungen sehr unvollkommen sind, und ebenso umge-
kehrt. Nach Chapman (Work and wages London 1904) bediente
ein Arbeiter in Amerika früher 6% Webstühle, in Italien 1—2, in
Deutschland 2'/,, in England 31. Jetzt kann er in Amerika infolge
der Erfindung des ‚Northrop loom 16—20 Webstühle versorgen
(Levy, Jahrbücher für Nationalökonomie 1906. 3. F. Bd. 32 S. 622).
So waren schon in den 90er Jahren die Kosten, die erforderlich
waren, um einfache Fabrikate zu weben, in Amerika niedriger als
in England, obwohl die Löhne dort U höher waren. Daher ist es
außerordentlich schwer, in einer zurückgebliebenen Gegend mit
niedrig stehender Arbeiterbevölkerung einen neuen Industriezweig
groß zu ziehen, z. B. in den östlichen Provinzen Preußens, in dem
Innern von Rußland, obgleich dort der Tagelohn außerordentlich
niedrig ist. Denn der ungeschulte Arbeiter bringt wenig zuwege,
verdirbt viel, so daß exakte Ausführung, feineres Produkt von ihm
nicht erwartet werden kann. Um gute Maschinen, feine Weberei,
zarte Muster in der Kattundruckerei herzustellen, wird eine Zuver-
lässigkeit, eine Präzision in der Ausführung verlangt, welche in
jenen Gegenden nicht zu finden ist. Die hohen Löhne in West-
falen, in Elsaß-Lothringen sind deshalb verhältnismäßig immer noch
billiger als die niedrigen Löhne für den polnischen und russischen
Arbeiter,

Von besonderer Bedeutung ist es, die Höhe des Lohnes vom DE dm
Standpunkte des Volkswirtes im Verhältnis zum Lebens- bedürfnis.
bedürfnis des Arbeiters entsprechend der Kulturstufe des Landes
und im Vergleich zu dem gesamten Wohlstande desselben zu be-
trachten. An und für sich wird ein hoher Lohn wünschenswert sein,
um dadurch eine Lebenshaltung zu ermöglichen, welche die körper-
liche Gesundheit und die physische Leistungsfähigkeit ebenso zu
fördern, wie das geistige und sittliche Niveau zu heben vermag. Es
handelt sich nicht allein darum, eine gute Wohnung und gute Nah-
rung zu ermöglichen, sondern überhaupt den Zustand der Bedürftig-
keit auf ein Minimum zu beschränken. Es ist meist weit weniger
wichtig, daß eine Ware, etwa ein besseres Kleidungsstück, ein Putz-
gegenstand, Spielzeug billiger ist, als daß der Arbeiter, der es her-
stellt, besser belohnt wird und dadurch in den Stand gesetzt ist,

Conrad, Grundriß der volit. Oekonomie. IL. Teil 8 Anfl 292

Lohn nach der
Leistung.